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28.03.2014

Weinrallye 72: Weine, die man nicht so einfach kaufen kann...


Wird ausgerichtet vom Priorat - Hammer. Sein Blog ist hier (klick).


"Weine, die man nich kaufen kann? Quatsch, datt gibtet doch ga nich, im Kapitalismus kannsse alles kaufen, da iss alles nur ne Handelsware." Das sagt mein Freund Bernd, und Bernd muß das wissen, denn er arbeitet bei der IG Metall.
Und er hat ja recht, vom 1,49€ Dornfelder im Supermarkt bis zum 45er Mouton Rothschild ist alles zu kaufen, es ist immer nur eine Frage des Preises. "Aber an manche Flaschen kommste nicht so leicht ran," wende ich ein, "da mußte dich schon strecken, um die ins Glas zu kriegen. Einfach abgreifen geht da nicht."
Und genau dazu fällt mir eine Geschichte ein. Ich erzähle ihm also von einem Roadtrip im letzten November. Da mußten nämlich zunächst 450 Kilometer überwunden werden, der Priorat-Hammer hatte zur Probe gerufen, rare Flaschen, nur in Miniauflage erzeugte Weine sollten verkostet werde. Also auf in den kalten Osten, auf nach Sachsen-Anhalt, auf nach Coswig an die Elbe zu den Flaschen, "die man nicht so einfach kaufen kann"...

Aber immer langsam und der Reihe nach, denn die erste Station war Bernburg an der Saale. Torsten Hammer hatte nämlich einen befreundeten Winzer aus dem Priorat zu Besuch, Jaume Roca von Ficaria Vins. Und mit dem war er quasi eine Woche auf Tournee durch Deutschland, von Oberhausen bis Berlin. Und an diesem regenreichen letzten Freitag im November hatten die beiden einen Präsentationstermin in einem Bernburger Einkaufszentrum. Doch Hagel- und Granaten, vor den ersten Weingenuß nach langer Fahrt drängte sich zunächst das Böse direkt in Weg und Blick: Prominent im Zeitungsständer ausgestellt prangt die Nationalzeitung, darunter Stellenmarkt direkt. Na passt ja hier, denke ich, Rechtsradikale und Arbeitslosigkeit...




Aber schnell weg damit aus dem Kopf, denn die folgende Begegnung wird dann doch zu heiter und angenehm. Ich kenne niemanden sonst, der wie Torsten sich so voller Leidenschaft und ehrlich-direkter Begeisterung dem Wein widmet. Und das auch in anregend-sinnlichen Beschreibungen zum Ausdruck bringt. Torsten kennt sich aus, vor allem im Priorat, er ist quasi der inoffizielle Lehrstuhlinhaber für die charakterstarken Rotweine aus der urwüchsigen Weinenklave im katalanischen Hinterland. Seit einigen Jahren importiert er von da. Die Weine von Ficaria Vins vertreibt er in Deutschland exklusiv, ein kleines Weingut mit einer Gesamtproduktion von unter 10.000 Flaschen pro Jahr. Der Winzer Jaume Roca, kräftig muskulös, verschmitztes Lächeln, hellwach blitzende Augen, sitzt neben ihm hinter einem Tisch mit einer ganzen Batterie Flaschen drauf, Gelegenheit für eine erste kleine Verkostung...





Es regnet, es ist kalt, auch der Rote im Glas hat ein paar Grad zu wenig, also anwärmen. Und gemütlich geht sowieso anders, deshalb nix wie weg aus Bernburg und über Köthen und Dessau durch den dunklen Abend ab nach Coswig. Hinein in Torstens gute Stube, da wärmt ein großer Kachelofen.

Und während der Priorat-Hammer eine reichhaltige Fischpfanne, die Fideuà, zubereitet, gibt es dazu einen Küchenwein: Chateau de Beaucastel Chateauneuf du Pape 1995 (aktueller Preis ab 60€). Eine Flasche aus meinem Keller, die lag schon länger herum, Zeit ihn aufzuziehen, er ist mit 18 Jahren ja immerhin schon volljährig. Sehr schöne intensive Rauchnase, dunkel, voll, deutliche Entwicklung, im Mund viel Wärme. Frucht und Gerbstoff sind durch Reifung zu sehr befriedigendem balsamischen Trinkfluß integriert.


Auch wenn der Freitagabend nur das Vorspiel zur großen Probe am Samstag ist, kommt danach auch weiterhin nur Gutes und Großes ins Glas. Eine glückliche Fügung, gewiß, aber beim Priorat-Hammer auch nicht anders zu erwarten...


Der Blai Ferre I Just, "Billo" 2008 aus dem Priorat macht den Einsteiger bei Tisch, viel Frucht und Kraft. Dann ein Katalane aus Frankreich, Domaine Cazes "Le Credo" 1996 aus der Magnum, viel Cabernet ist drin, überraschend frisch, Top-Wein.


Dann noch was aus dem Roussillon, eine Entdeckung: Château Mossé "Le Blues" 2005. Die Flasche war seit 4 Tagen offen, irres Zeug, intensives Konzentrat, dabei ganz fein, erster Suchtstoff, erste Flasche zum Thema "Weine, die man so nicht kaufen kann". Geht sogar noch etwas über den Ch9 des Abends.


Als ich mich in der Küche um das Zusammenstellen der Käseplatte kümmere, sehe ich im Kühlschrank eine einsame Flasche, der Rest einer Traminer Beerenauslese, na das passt doch, denke ich. Und das Beste, der Wein wächst in der Nähe, nur etwas über 30 Kilometer östlich von Coswig in einer sächsischen Weinenklave auf dem "nördlichsten Qualitätsweingut Deutschlands": Weingut Hanke, Traminer Beerenauslese2003, Sachsen – Bereich Jessen / Elster. Ein Schwergewicht aus dem heißen Jahr, ein süßer Vollschmecker, die 16° Alkohol schlagen durch.



Irgendwie kommt das Thema dann auf Grüne Chartreuse, und Torsten sieht sich genötigt, eine Flasche davon aus seinem Keller zu holen. Ich hatte bis dahin diesen Kräuterdigestiv noch nie vorher im Glas. Doch Achtung, Vorsicht ist hier angesagt! Denn dieses ungemein ätherisch-duftende Elixier aus den französischen Alpen hat 55% Alkohol. Es ist jetzt halb drei in der Nacht, Zeit für die Bettruhe...

Und das ist das Stichwort, um endlich den Übernachtungsplatz in Coswig vorzustellen, die Pension entbehrt nicht einer gewissen Skurrilität. Es ist der Weinhof an der Elbe. Von außen nur ein kleiner Flachbau zwischen zwei Siedlungshäuschen mit einem überdimensionierten Hinweisschild obendrauf.



Doch wie so oft trügt der Anschein, so auch hier. Der Flachbau ist nur der Durchgang zu weiteren Gebäuden dahinter, gruppiert um einen großen Innenhof, vollgestellt mit Gartenkram und Bänken, darüber ein gewaltig rankender Rebstock. Und da hängen, Ende November, einen Tag vor dem 1. Advent noch jede Menge dunkle Trauben dran. Ideale Location für die Probe also, die hier heute Abend steigen soll, unten rechts in dem Flachbau...




Doch vorher geht es noch ein paar Kilometer rauf in den Norden, in den Hohen Fläming. In diesem kleinen wildromatischen Hügellland zwischen Magdeburg und Berlin liegt einsam auf einer Kuppe die Burg Rabenstein. Da ist heute Weihnachstmarkt und da haben sich der Priorat - Hammer und Jaume mit ihrem Weinstand in der Folterkammer eingerichtet.


Auf der Streckbank, abgedeckt mit schwarzem Samt, sind die Weine aufgebaut. Das hat originelle Klasse, das hat Stil, das gefällt auch den Besuchern. Jaume Roca kommt angesichts der ausgestellten Marterwerkzeuge eine blendende Idee: Er gäbe gern und gratis eine Einführung in die Methoden der spanischen Inquisition. Nur, wer dann wolle, dass die Folter aufhöre, der müsse dann natürlich zahlen – und nicht zu knapp.



Zurück nach Coswig, zurück in den Weinhof an der Elbe. Hier gilt es jetzt, hier kommen jetzt rare Wein ins Glas, das Line - Up steht. Mit am Tisch dann eine Überraschung. Mit dabei ist ein weiterer Winzer, Frank Hanke aus Jessen, der Macher des Edelsüßen vom Abend zuvor. Seine charmante Frau übernimmt den Fahrdienst, sodaß er ungehemmt ist, die Erzeugnisse seines Kollegen aus dem Priorat zu verkosten, also Feuer frei...
Und so kommt es, Torsten und sein Freund Jaume entzünden im Verlauf des langen Abends ein Weinfeuerwerk der Extraklasse, immer ungewöhnlich, manchmal fordernd, nie langweilig.



Zunächst kommen zwei Weiße in die aufnahmebereiten Gläser:

Ficaria Vins, Matraketa Blanc 2011, Montsant – La Figuera. Nur 370 (!) Flaschen produziert, floral, Blütenduft, wenig Säure.
Sangenis i Vaque, Lo Coster Blanc 2008, Priorat – Porrera. Voll, offen, Petrol, cremig, weniger als 300 Flaschen.



Als Einstieg in die Rotweine kommt zunächst dreimal Èlia, der Einstiegswein aus Grenache, Syrah und Cabernet von Jaume Roca (2009, 2010, 2011). Dreimal volle Frucht, volles Maul, konzentrierte Blaubeerbomben mit starkem Fundament. Erinnern mich irgendwie an einen guten Gigondas von der Rhone, herrlich.



Als Kernstück des Abends wird dann eine Pater – Vertikale gestartet. Dieser Grenache aus über 80 Jahre alten Reben gehört laut Torsten Jahr um Jahr zu den zuverlässigsten und besten Weinen des Montsant. Hier ist 100% Grenache/Garnacha das bestimmende Thema. Sechs Flaschen stehen bereit, durchgehend von 2005 bis 2010. Allesamt durch die Jahrgänge hochkonzentrierte Gewächse. Die Theke im Weinhof an der Elbe wird zum Altar, ein Hochamt für die versammelte Prioratgemeinde, die Unterschiede und Nuancen fordern heraus. Torstens Eindruck und ein herrliches Beispiel gelungener Verkostungslyrik  zum ´09er:  "Jetzt schon ein kleines, ständig wachsendes Nasentier, anspringend und sich fest krallend. Am Gaumen voll und viel Druck...Intensiv am Gaumen und von schöner Länge. Macht Spaß, will aber noch Zeit, sich komplett zu finden. Derzeit noch recht ungestüm am Gaumen. Er wälzt sich eher unruhig auf der Lagerstatt hin und her, statt friedlich zu schlafen. Lasst ihn einfach noch in Ruhe und geht aus dem Raum..."

Für genaue Verkostungsanalysen dieser und der anderen Flaschen bitte beim Priorat-Hammer Blog hier anklicken.



Man hätte hier bereits auf hohem Niveau den Abend beenden können, aber Torsten wollte die Chance nutzen, er ließ es sich nicht nehmen, ein paar besondere Raritäten aus seiner Selektion vorzustellen, die man nicht jeden Tag in die Gläser geschüttet bekommt. Ich hab mir das gerne gefallen lassen...

Celler de l´ Encastell, Roquers de Samsó 2010, Priorat. Hiervon gibts nur 500 Flaschen für 47 € das Stück, 100% alte Carignan. Kühl, elegant und voll, ein Boxhandschuh, nur leicht gepolstert.



Celler Castellet, Empit Selecció 2011, Priorat. Auch hier Carignan, irre Nase, kühle Frucht, erinnert an einen sehr guten Nordrhone-Syrah. Torsten: "Ein Nasentraum, tief, schwarz und sündig. Teufel und Hexen marschieren hier auf und hören Gothic. Zur typischen Porrera – Carignan Aromatik gesellen sich After Eight und Cannabisduft. Der ganze arabische Basar ist zu Besuch gekommen."
Dann noch ein 100% Carignan, die laufen heute, ebenfalls eine rote Weinwand, die erklommen werden will: Celler Aixala Alcait, Costers d´ Alzina2011, Priorat, deutlich weniger als 1.000 Flaschen., Torsten: "...eine dunkle, schwarze Gothic-Nase. Das ist Carignan vom Feinsten, sehr elegant und tief., ein Wein anstelle des Desserts, in kleinsten Dosierungen sparsam zu genießender Tropfen mit Suchtpotential".



Dann nochmal ein Wein von Jaume Roca, er steht auf und gießt ein. Was kann nach all den Knallergeschützen jetzt noch kommen? Nun, es ist das Flagschiff von Ficaria Vins, Cerverola 2011, 15,5%, 34€. 100% Grenache vom Allerfeinsten, Alkohol wunderbar eingebunden, Muskelspiel, dabei elegant bleibend, nur 500 Flaschen insgesamt.



Ganz zum Abschluß dann noch etwas Süßes: Sangenis I Vaque, Simfonia en Dolc 2007, Priorat. Auch hier ein knappes Gut, nur 800 von den schlanken 0,5er Flaschen gibt es.



Der Priorat-Hammer und Jaume Roca nach der Probe: Starke Analyse, hohe Genußfähigkeit und enormes Durchhaltevermögen.




Priorat trifft Sachsen, für den Jessener Winzer Frank Hanke waren die charakterstarken Roten aus dem Priorat Neuland.



Analysieren, Aufschreiben, punkten, das unterscheidet eine seriöse Probe von einem schieren Besäufnis - zum Glück...;-)


Gut durch den Abend gekommen, der Weindeuter mit charmanter Winzersgattin.



Nach kurzer Nacht dann das Nachspiel beim Torsten am Haus. Dort wurde die ein oder andere Kiste in den Kombi geladen.




Alle Weine bei Torsten Hammer (klick). Und keine Sorge, man muß nicht unbedingt hinfahren (sollte man aber). Der Priorat - Hammer versendet auch...




21.03.2014

Party-Rote

Superduftig, superfruchtig, supersüffig, supergeil...

Nicht immer nur analytisches Schlürfen, genaues Wägen, Einordnen und Normieren  - das ganze elaborierte Getue um den Wein hat zwar seinen Reiz, kann aber auch nerven. Es gibt Situationen, da geht es einfach um Menge, um Durchsatz, um die Befriedigung von durstigen Kehlen netter Menschen, die dem selbstreferentiellen Spiel um das Göttergertränk vollkommen unzugänglich sind. Ganz normale Leute, die einfach nur mal ein "lecker Weinchen" trinken wollen, oder auch zwei...
Und damit ergibt sich für den Weinfreak als Gastgeber ein Problem. Ganz aus der unteren Schublade darf man nicht einsteigen und irgendwelche Suffweine anstellen. Das würde auf einen zurückfallen. Wie gesagt, es geht um Leute, die zwar nicht in die Thematik einsteigen wollen, aber durchaus weinerfahren sind und schon wissen, was ihnen schmeckt. Der andere Fehler wäre, zu kompliziert aufzutischen und einzufüllen, womöglich verbunden mit langatmigen Erklärungen. Eine Gradwanderung also zwischen seriöser Qualität und unmittelbar trinkiger Genußzugänglichkeit, in den letzten Wochen gab es mehrfach die Gelegenheit, Party-Rote in diesem Sinne zu öffnen...




Zwei  aus "Übersee", immer eine sichere Bank für Leute, die richtig was im Glas und im Mund haben wollen, eingängige Spieler mit viel Primärfrucht und Kraft. 




Zwei Südfranzosen aus der Provence, auch in der Regel ein Treffer für Starkweintrinker. Beide Kandidaten präsentierten sich voll, viel Schmackes im Glas: Viel Wärme, Grenache-Schmelz, dunkle Frucht, Reife im Vindemio, der Paradis paradiert mit Frische und etwas Biß vom Cabernet.   



Ein etwas ausgefallenes Pärchen, für die Neugierigen am Tisch. Einmal ein Norditaliener aus dem Veltlin, ganz oben an der Grenze zur Schweiz. Mit 94PP hochdekoriert und der Teuerste hier in der Runde. Ein Sfursat vom Fuße der Alpen, hergestellt nach der Amaronemethode: Die Trauben trocknen 120 Tage lang in Holzkassetten, sie verlieren dabei bis zu 35 Prozent ihres Gewichtes. Dadurch erhöhen sich Zucker- und Alkoholgehalt. Viel Reife, Wärme, viel Alkohol, die Amarenakirsche im Glas. Sowas sollte nicht zu Beginn angeboten werden, kommt aber gut mit seinen likörigen Schmeicheleinheiten als Absacker.
Goldene Aufdrucktypographie, mattierte Flasche, so steht er da, ein Exot aus dem Libanon aus Cabernet, Syrah, Grenache, Merlot. Weinfreunde, die hier öfter lesen, wissen, da kommt viel Gutes her (Probenbericht hier). Der ´05er ist noch voll da, reichhaltig in Nase und Mund, kein ganz Lauter, hält Eleganz, Top-Schluck.



Ein Süditaliener und ein Kalifornier in enger Verwandschaft! Der Primitivo kam Mitte des 19. Jh. vom Absatz des Stiefels über den großen Teich und wurde dort zum Zinfandel. Um den entstand in der Renaissance des kalifornischen Weinbaus ein regelrechter Kult, Zin wurde zum flüssigen Inbegriff kalifornischer Lebens - und Genußart. Auch der Primitivo hat, zusammen mit anderen Rebsorten des Südens wie Negroamaro und Nero d´Avola, einen Aufschwung in der Beliebtheit genommen und geholfen, Teile des süditalienischen Weinsees zu leeren. Vor allem bei Freunden warmer, fruchtiger und gerbstoffgezügelter Weine. Insofern war dieses Duo in den Gläsern ein Selbstläufer. Der Masseria kann als der ideale Partyschluck gelten, frei nach Friedrich Liechtenstein: Superduftig, superfruchtig, supersüffig, superlecker, supergeil...
Der Zinfandel kommt aufwändiger daher, ein Hinkucker natürlich die Hippieflasche. Im Glas dann noch sehr schön, ich hatte erst Bedenken wg. der 8 Jahre, Zinfandel altern häufig nicht so toll, die Primärfrucht des jungen Weins ist oft einfach zu attraktiv. Der hier hatte allerdings nicht abgebaut, war vielleicht sogar der attraktivste Wein der ganzen Reihe hier. 




Die Roten aus dem Rioja sind für viele ein wichtiger Teil ihrer Weinbiographie, auch für mich standen die vom langen Holzausbau und Flaschenreife geprägten Tempranillos traditioneller Machart am Beginn der Weintrinkererei. Die Crianzaklasse bot für überschaubare Tarife viel Duft, Schmelz und Charakter. Auch heute gibt es da immer noch viel Stoff fürs Geld. Auch wenn Rioja in letzter Zeit vermehrt auf teure und hochgezüchtete Spitzen setzt und bei den Einsteigern mehr auf schnelle Frucht als auf Reife, wird man bei den Klassikern immer noch fündig. Der Canas kann was, für 17€ gibt es sanften Genuß ohne Hektik, der Wein beruhigt. Typische Nase aus Vanille und Orangenschale, auch im Mund gute Harmonie von feiner Süße, Fruchtsäure und würzigem Rauch.





23.12.2013

Atzwentzweine...(2)


Das Warten aufs Christkind wurde auch in diesem Jahr wieder mit einigen Adventsweinen überbrückt. Nach den beiden Altweinkrachern am 1. und 2. Advent (´95er Beaucastel und ´91er Montrachet) folgten am 2. und 4. Advent einige Rote, allesamt Südkinder, eines sogar direkt aus dem Morgenland...




Tandem Syrah 2010 Thalvin/Alain Graillot Marokko (14,5%/11,90€) Der Wein ist das Produkt einer Zusammenarbeit des Winzers Alain Graillot von der nördlichen Rhone mit der Winzerfamilie Thalvin aus Marokko, in deren Kellerei der Wein auch vinifiziert wird. Frucht und Pfeffer ist hier das Motto, dunkel, guter Baß, keine Überbreite, hat auch Raffinesse.
Syrah Domaine Wardy 2007 Libanon (13,5%/12%) Sehr reife Frucht, Rumtopf, weich, etwas Syrahschärfe, schöne Länge, kleiner Hitzkopf aus dem Bekaa-Tal.




Bonne Pioche Pic Saint Loup 2011 Domaine Clavel Languesdoc (14,5%/12,90€/ 65 % Syrah – 15 % Grenache – Mourvèdre 20% ) Ein Maul voll Rotwein, üppige süßreife Frucht, volle saftige Ladung, ein Spaßwein, Mouthpleaser, nicht schüchtern drauf, genau wie sein Macher...
GR-174 Casa Gran del Siurana 2010 Priorat (14,5% / 14,€ / Garnatxa-Caranyena-Cabernet Sauvignon) Das Priotatprojekt von Castillo Perelada, benannt nach einem Wanderweg, der durch das Priorat führt. Für einen Priorat sehr zugänglich und offen, modern gemacht. Keine Wummsbombe für Prioratfreaks, kann man bedenkenlos in eine Südweinprobe stellen.
Sió 2011 Bodegas Ribas Mallorca (14,5% / 20€ / 50% Mantonegro-25% Syrah-15% Cabernet Sauvignon 10% Merlot) Mit 300 Jahren eine der ältesten Bodegas der Insel. Der Wein ist top-notch. Großes Kino von der Insel, der Beste hier in diesem Quintett. Hat für knapp 20€ schon den Touch of Magic, überschreitet die Stufe von "gut trinkbar" zur Exzellenz. Feine Nase, seidige und dabei volle Frucht, hinterläßt am Gaumen Wohlgefühl, sehr stimmig ohne Übertreibungen.

22.12.2013

Atzwentzweine...(1)

Adventszeit, jedes Jahr der große Countdown: Berge aus Lebkuchenherzen und Marzipankartoffeln verstopfen die Supermarktgänge. In den Städten stehen Bretterbuden, es dampft nach Glühwein und frittiertem Blumenkohl. Lichterketten spenden Glanz, tauchen den vorweihnachtlichen Wahnsinn in gnädiges Zwielicht. Da versüßt sich Weindeuter lieber die Wartezeit aufs Christkind wieder mit dem ein oder anderen Adventswein.


Am 1. Adventswochenende ging es nach Coswig/Anhalt zum Priorat-Hammer, natürlich zu einer großen Prioratprobe (Bericht folgt). Für den Einstieg am Abend zuvor hatte ich aber etwas anderes vorgesehen: Chateau de Beaucastel Chateauneuf du Pape 1995 (aktueller Preis ab 60€) Die Flasche lag schon länger im Keller, Zeit ihn aufzuziehen, er ist mit 18 Jahren ja immerhin schon volljährig. Sehr schöne intensive Rauchnase, dunkel, voll, deutliche Entwicklung, im Mund viel Wärme. Frucht und Gerbstoff sind durch Reifung zu sehr befriedigendem balsamischen Trinkfluß integriert.



Am 2. Advent dann eine Einladung zum "Kaffee". Und da kommt ohne Vorwarnung plötzlich ein großer reifer Weißer auf den Tisch und in die Gläser, sogar noch 4 Jahre älter als der Kollege vom Wochenende zuvor. Bienvenues Batard Montrachet Grand Cru / Domaine Henri Clerc et Fils. Eine legendäre Weißweinlage im Burgund, nur 3,5 ha, wie im Burgund üblich parzelliert und unter einer Handvoll Erzeuger aufgeteilt.
Altweine daraus gehen normalerweise nicht für unter 50€ weg, zum Teil weit darüber, natürlich abhängig von Erzeuger und Jahrgang (1991 war kein so guter...) Neuflaschen von Toperzeugern  kosten über 200€. Der Clerc ist günstiger, aber auch nicht für unter 100€ zu haben. Umso schöner die Geschichte, daß dieses Exemplar auf einem Bochumer Flohmarkt für unter 5 € erstanden wurde.
Aber was kann der noch, der Franzosenchardonnay? Der Korken war ziemlich durchgeweicht, geradezu flutschig und rutschte beim Ansetzten des Korkenziehers einfach nach unten in den Flaschenhals. Im Glas dann dichtes Gold bis Bernstein. Deutliche Entwicklung, aber noch lebendig, Orangenzeste, nach Öffnung und Atmung dann Trockenaprikose, einwöchige Rosenblätter, auch Nußecke. Im Mund dann noch sehr schön, angezählt aber noch nicht ausgezehrt, etwas Honig, in Summe mit edler Delikatesse.



31.08.2013

Genußtour ins Midi (4) Provence Pur...


Passend zum Sommer: Eine Genußtour das Rhonetal hinunter ins Midi. In diesem Jahr leider nur virtuell, ein anderes Ziel steht auf der Reiseagenda. Darum ist auch der vierte Teil ein (wein)genußreiches Puzzle, zusammengesetzt aus Reisen der letzten Jahre. Nach einem Aufenthalt in Lyon (klick) und einer Fahrt die Rhone herunter (klick), einem langen Abstecher nach Westen in das Languedoc und das Roussillon (klick) geht es nun von der Rhone gesehen nach Osten in die sonnenreichen Hügelparadiese der Provence bis hinunter an die Côte d’Azur.

Wein total in Rhone-Süd: Kreisverkehr in Valreas

Fährt man die A7, die Route de Soleil, in Richtung Süden, zieht es den Wein- und Genußfreund ab Avignon zwangsläufig runter von der Autobahn. Die Reben locken, Augen und Nasen öffnen sich und atmen Wein, Wärme und das Brüllen der Zikaden. Also Rhone-Süd. Das ist zuvörderst natürlich Chateauneuf du Pape. Die Ikone, das Eldorado, die goldene Stadt für Freunde des vollen barocken Weinerlebnisses. Von den sommerheißen, grobkieseligen Hügeln über der Rhone kommen einfach DIE Crus dieser Gegend. Gebührend gewürdigt habe ich die Päpstlichen schon in Teil 2 (klick).

Die reichhaltigen, sonnenverwöhnten Weine aus dieser Ecke sind allerdings auch im Einsteigerbereich charakterstarke Gewächse mit oft sehr gutem Preis-Genußverhältniss. In den Spitzen, aus den Village und Cru-Lagen, zudem von aufwändig arbeitenden Winzern, sind sie Weltklasse, markieren in gültiger Weise einen Weinstil für Leute, die vor Frucht und Wucht im Glas nicht zurückschrecken.

Blick vom Ferienhaus in Nyons,
das mit den grünen Schlagläden unten


Mittagsimbiss in Nyons

Im Herbst 2012 wohnten wir für eine Woche in Nyons direkt am Dorfplatz mit seinen schönen Arkaden. Auch da gibt es Wein, der Ort ist aber bekannter für seine Oliven mit eigenem AOC Status. Nyons liegt quasi auf einer Grenze. Direkt östlich wird es bergig in Richtung Hochprovence, bei allem südlichen Charme hat das hier auch schon eine leicht alpine Anmutung.


Von Nyons aus erreicht man ganz schnell die Weindörfer, die jeder Rhone Fan auswendig daher sagen kann: Vinsobre, Valreas, Cairanne, Rasteau, Sablet, Seguret, Vacqueyras und natürlich Gigondas. Im kleinen Dorfzentrum liegt dort der Caveau du Gigondas. Ich kam kurz vor der Mittagspause, es war nur eine knappe Viertelstunde Zeit zu verkosten. Außer mir im Raum eine Männerrunde aus Polen auf Weintour durch den Süden. Offen ist quasi alles, von ein paar Ausnahmen abgesehen, was in der AOC produziert wird.


Was nehmen? Ich entschied mich, ein paar 2007er zu verkosten. Leider passierte dann ein Mißgeschick, eines von der Sorte, welches man in so einer Situation gar nicht gebrauchen kann: Ich fegte mit lockerer Hand das Probenglas von der Theke, es fiel laut splitternd zwischen die kleinen Probenflaschen in der Kühlung. Peinlicher Moment, wurde aber sehr charmant von der hübschen Weinberaterin umspielt. Sowas kommt da möglicherweise öfter vor, die Rotweinbomben haben ja nicht selten Alkoholgrade von über 15%.


In Ruhe nachverkostet wurde dann oberhalb des Dorfes, es gibt unterhalb der Burgruine einen schön angelegten Kräutergarten mit Lehrpfad. Im Glas Domaine Paillère et Pied-Gû 2007.
Durchaus lohnend ist übrigens auch ein Besuch der Winzergenossenschaft in Cairanne. Da ist im Keller ein aufwändig gestalteter Parcours Sensoriel installiert, man kann fühlen und riechen etc. Gut gemacht mit allerlei Lichteffekten, der Eintritt ist gratis.


Von Nyons ist es auch nicht weit bis zur AOC Ventoux. Über Vaison-la-Romaine, Malaucène und Bedoin bis auf den Riesen der Provence sind wir mit dem Auto gefahren. In Bedoin war Markt, ein warmer Oktobertag. Doch trotz reizvoller Stände mit duftenden Würsten, Käse, dicken Nougatblöcken und allem was ein provenzalischer Markt so präsentieren kann, ging mein Blick immer wieder quer nach oben. Der Gigant thront quasi über der Ebene. Der kahle Gipfel ist von da überall zu sehen.


Unten in Bedoin waren es noch angenehme 20 Grad, hier oben nur noch knapp über Null. Dazu kam der enorme Windchill. Es wehte ein kräftiger Herbstmistral, der Wagen wackelte, oben auf der Kuppe war es unter Null. An den Metallkonstruktionen auf dem Gipfel bildete sich Eis. Aber der Blick war natürlich großartig.


Die Luft war ganz klar, kein Dunst, wie man ihn im Sommer dort oft antrifft. Nach Nordosten die Alpen, zum Südwesten das Rhonetal bis ins Languedoc rüber. Nach Süden für mich aber mit dem größten Augenreiz: Über einem schmalen dunklen Rücken im Mittelgrund, dem Luberon, glänzte am Horizont das Mittelmeer. Ziemlich genau die weite Bucht vor Marseilles mit den Inseln. Etwas nach rechts sogar die Industrieanlagen von Fos-sur-Mer in der Camargue und die Öltanker in der Ètang de Berre. Ans Meer kamen wir ja nicht in der kurzen Herbstwoche. Aber der Ventoux, der Mächtige, hatte uns immerhin einen wahrhaft weiten Blick dorthin ermöglicht.


Die AOC Ventoux mit ihren Rebflächen südlich des Berges hat in den letzten Jahren einen Qualitätsaufschwung gemacht, vor allem getragen von kleineren Winzern wie Sebastien Vincenti mit seiner Domaine Fondreche, Chateau Pesquie und vielen weiteren (klick).
Es sind kraftvolle Gewächse, die den Vergleich mit den Spitzen und Crus der Rhone nicht zu scheuen brauchen. Würzige-intensive Charakterdarsteller mit tiefdunkler Frucht, häufig mit maskuliner Rustikalität. Die Weine reiten in ihrer Jugendphase oft Attacke auf Nase und Gaumen, eine Alterung lohnt auf jeden Fall. Typische Gewächse also für Südweintrinker, und die soll es ja, trotz aller Betonung von Eleganz und Finesse, wie es gerade en vogue ist, durchaus noch zahlreich unter Weinfreunden geben.

Gigantis 2009, Spitzencuvée der Vignerons du Mont Ventoux
(14,5% / 16-20€) verkostet vor Ort im Ferienhaus

Weingeographisch wird Rhone-Süd ja gar nicht zu den Weingebieten der Provence hinzugezählt, obwohl wir uns natürlich dort eindeutig in der Provence tummeln. Die AOC Provence mit ihren diversen Untergebieten beginnt erst weiter östlich. Hier mal zur Orientierung eine Übersicht.


Provence - Kulturland, Genußland, Roséland! Die "Römische Provinz" mit ihren Arenen und Theatern: 2000 Jahre alt und immer noch fit und im Betrieb! Die Provence der Maler: Van Gogh in Arles, Cézanne an den Montagne Sainte Victoire bei Aix, Picasso begraben auf Chateau Vauvenargues. Die Provence der Sinne: Der Duft des Lavendels auf dem Plateau Valensole, das tiefe Blau der Cote d´ Azur.


Die Provence des Weines: Rosé, Rosé und nochmals Rosé. Der Anteil in den Provenceappellationen liegt bei über 70 %, so viel wie sonst nirgends in der Wein(bau)welt. Sie haben da eine Markenidentität geschaffen, ein Konzept, das seit vielen Jahren aufgeht. Jede Menge Rosé wird vor Ort vor allem in den Sommermonaten an der Küste zwischen Menton und Marseille getrunken. Und das nicht nur von Urlaubern, den sonnenhungrigen Auswärtigen. Der Rosé ist im Alltag fest verwurzelt, in den Regalen und auf den Tischen allgegenwärtig.


2010 hatte ich vom Ferienhaus in Les Issambres unten an der Küste einen guten Blick auf das Nachbargrundstück, bewohnt von einer französischen Oma (geschätzte 80 +). Jeden morgen stand um 8.30 zum Petit Dejeneur neben dem Croissant eine schlanke Flasche Rosé auf dem Tisch, aus der zwei Gläser geleert wurden.


Da wollte ich nun nicht zurückstehen und habe jede Menge Rosé probiert. Man soll sich ja an die Sitten und Gebräuche des Gastlandes anpassen, oder ? Und es geht einfach perfekt zusammen: Was sieht zum Blau des Wassers und des Himmels besser aus als eine Flasche Rosé ? Was streichelt sinnlicher die Zunge und erfrischt besser als diese Mischung aus Saft, Säure, Schmelz und Biß, die seriöse Provencerosés durchweg draufhaben. Das geht schon bei knapp über 5€ los, ab 8€ ist schon richtig Musik im Glas wie beim Bailly. Gerne gefüllt in der klassischen Flasche abgefüllt, ein Produktdesign, das wie bei Coca-Cola die sinnlichen Proportionen eines Frauenkörpers zitiert - purer Genuß...

Marketing - Kuriosum ICE TROPEZ, eine Art Weincocktail in Designerflasche. Er ist natürlich "Créé à St. Tropez", ein cleveres Erzeugnis der Domaine Tropez und mittlerweile international erhältlich, auch bei uns (hier)

Der Gendarm von St. Tropez in Rosé

Aber auch die "wahre" Provence, die Genießerprovence, die Wunschprovence für nordeuropäische Romantiker gibt es noch: Außerhalb der Zentren, in den im Reiseführer nicht oder nur am Rande erwähnten Orten und Gegenden im Hinterland. Ruhige Plätze unterm Platanendach, plätschernde Brunnen, buntes Gedränge zwischen duftenden Marktständen, das Klacken der Kugeln beim Petanque...


Und natürlich Weingüter, abgelegen, von der Hauptstraße weg. Die überraschen oft, wie die Domaine Grand Cros bei Carnoules. Auch da wohnten wir mal vor einigen Jahren. Charmant wurde bei einem Besuch eine kleine Degustation zusammengestellt. Hier geht es, wie man auch auf dem Foto sieht, recht sinnlich zu. Die Spitzenweine heißen "Nectar", die roséfarbenen Schaumweine "La Maitresse" und "La Rivale". Eine modern gemachte Basislinie wird unter dem Namen "Jules" vermarktet.

Einkauf bei Grand Cros: Der Reisewagen ist zwar schon voll bis unters Dach, aber 2 Kartons passen immer noch rein...

Weiter geht´s im Departement Var etwas östlich nach Draguignan. Das war mal unser Einkaufsort für größere Besorgungen im Sommer 2007. Wir hatten ein paar Kilometer weiter in Flayosc ein Ferienhaus gemietet. Draguignan hat eine alte Tradition als Garnisonsstadt, es geht dort immer noch recht militärisch zu. Die Stadt ist Sitz der französischen Infanterieschule und der französischen Artillerieschule. Am Ortsrand sind die Einrichtungen zu sehen, mit allerlei Kanonen davor.
Von da aus in Richtung Lorgue liegt die der Domaine Roubine, ein stattliches Weingut, wo direkt vom Rennrad runter verkostet wurde. Lorgues selbst ist ein schöner Marktflecken, Trüffelfreunden bekannt durch Bruno, den Trüffelkönig. Sein Restaurant "Bruno" etwas südlich des Ortes bekannt - natürlich - für seine ausschweifenden Trüffelmenüs. Die schwarzen Knollen werden großzügig über alles gehobelt, was die Küche verläßt, bis auf die Desserts.



Ein Pflichtort für Weinfreunde kommt kurz danach: Man sollte auf jeden Fall unten im Tal der Argens bei Les Arc das Maison des Vins aufsuchen. (Fast) alle Weine der Provence - Appellationen werden dort präsentiert und verkauft.
Ehe es an der Küste weitergeht, nochmal ein kleiner Abstecher nach Norden. Eigentlich auch ein "Muß-Ziel" für eine Provencereise ist Aix-en-Provence. Mit Aix verbinde ich einen Besuch im Jahre 2006, natürlich an einem Markttag. Sowas zieht Deutsche, Engländer und Niederländer ja magisch an. Der Markt verteilt sich, wie üblich, in den Gassen und Plätzen der Altstadt. 


Eine Pause haben wir uns dann im bekanntesten Café der Stadt gegönnt, im Deux Garçons am Cours Mirabeau, dem Laufsteg der Stadt. Wenn man da so sitzt und den hübschen Studentinnen zuschaut weiß man, warum Aix für die Franzosen zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität gehört. Für Süßsüchtige ist schräg gegenüber eine wichtige Anlaufstelle: Die Pâtisserie Béchard lockt mit einer traumhaften Auswahl französischer Konditorenkunst und den berühmten Calissons d’Aix, ein Naschkonfekt aus Mandeln, kandierten Melonen und Orangen.


Ein Wein ganz aus der Nähe ist seit langer Zeit einer meiner Favoriten unter den Südfranzosen. Es war einer der ersten aus der Region, die ich überhaupt verkostet habe. Und das wirkt ja häufig nachhaltig und man hat dann ein Abo drauf für lange Zeit.
Es ist die "Cuvée Tradition" der Domaine Richeaume. Das Weingut liegt am Fuß der Montagne St. Victoire in Puyloubier. Da malte Cézanne, da wanderte auf seinen Spuren Peter Handke und da hat die Fremdenlegion eine Art Altersheim für Invaliden. In dieser eher betrüblichen Einrichtung war ich mal für eine Fotoreportage.
Doch zum Wein. Seit über 30 Jahren wird hier unter dem Patronat von Henning Hoesch nach streng ökologischen Kriterien Weinqualität erzeugt. Meinen ersten "Richeaume" trank ich 1997, es war der 93er, damals für 13,50 DM im Weinland Keiler (heute Mövenpick Weinkeller) gekauft. Körperreich, intensiv dunkelbeerig schon in der Nase, dabei angenehm mit viel Frische mundfüllend. Grenache, eingebunden in Syrah und Cabernet Sauvignon. Die Spitzencuvée heißt COLUMELLE, lohnend, einer der besten Weine aus der Provence aus Cabernet und Syrah.

Weinhügel mitten im Bandolgebiet: Klein aber fein...

Das Etikett der Domaine Le Galantine bringt es auf den Punkt:
Sonne, Reben, Meer

Zwei bekannte Unterappellationen und für viele sicher die beiden bekanntesten Weine der Provence liegen an der Küste: Bandol und Cassis.
Die Reben in Bandol haben Meerblick. Inmitten des Rosé-Sees in der Provence ist dies eine kleine AOC mit absolut hochklassigen Roten, bei deutschen Weinfreunden immer noch zu wenig beachtet und unterbewertet. Eine liebliche Hügellandschaft, urige Dörfer, Blicke aufs Meer, und Weinberge voller Mourvèdre. Die dickschalige und spät reifende Sorte gibt sich jung gern etwas zickig und spröde. Da wissen die fruchtweichen Weine, die ringsum im Süden Frankreichs auf Basis von Grenache/Syrah erzeugt werden, in ihrer Jugend oft besser zu gefallen. Bandol braucht also Zeit, die Weine profitieren sehr von Alterung. Zudem sind Bandols keine aufgespritzten Bodybuilder, keine plumpen Begeisterer. In der überschaubaren Appellation gibt es keinen zugespitzten Streit zwischen Bewahrern und Erneuerern, man bemüht sich durchweg um seriöse Qualitäten. Sicher gibt es Unterschiede in Qualität und Lagenpotential. Einige Erzeuger setzen auf Einzellagen, da geht es dann auch ins Geld. Doch selbst da bleibt es noch unterhalb von dem, was z. Bsp. heute für Top-Gigondas, geschweige denn für die Spitzen in Chateauneuf aufgerufen wird. Die regulären Gutsweine bleiben unter 20€ und das ist für solch einen Cru ein gutes PL - Verhältnis.

Bandolverkostung = Pflichttermin

Für Bandol gibt es zwei Anlaufstellen für einen Überblick: Einmal direkt in den Weinbergen bei Le Castellet das Maison du Vin Bandol (Foto oben) mit herrlichem Rundblick über die Weinberge bis hin zum Meer und in Bandol am Meer selbst das Maisons des Vins.


Weiter westlich an der Küste in der kleinen AOC Cassis dominiert der Weißwein, der Anteil liegt bei 80%. 12 Weingüter bauen auf 210 Hektar Fläche vor allem Marsanne und Clairette an. Die Weine sind duftig, frisch, sehr passend zur leichten Sommerküche mit viel Fisch.



Cassis ist zunächst ein kleiner Badeort mit einem malerischen Hafen, gebettet in eine relativ enge Bucht zwischen der steil aufragenden Felsküste. Östlich von Cassis fallen die Felsen am Cap Canaille bis zu 340 Meter steil ins Meer ab, die höchste maritime Klippe Frankreichs. Oben führt eine spektakuläre Straße längs, die Route des Cretes. Die bin ich mehrfach mit dem Auto gefahren, 1992 auf einer größeren Südfrankreichtour mit einem 200er Diesel.

Weiter Blick vom Cap Canaille im Jahre 1992: Unten die
Bucht von Cassis, im Hintergrund die
felsige Calanques-Küste in Richtung Marseilles

Wo sollte man noch hin, wo verbinden sich Wein und Landschaft an der Küste in beeindruckender Weise? Eine sichere Empfehlung ist ein Abstecher auf die Insel Porquerolles. Man erreicht dort den geographisch südlichsten Punkt der Provence. Eine kleine, der Küste vorgelagerte Insel mit einem besonderen Reiz. Obwohl es in der Saison vor Tagestouristen wimmelt, liegt ein Zauber auf dem Eiland. Flora und Fauna wirken fast karibisch, die Zikaden brüllen laut, an der Nordküste gibt es türkisschimmernde Buchten und Sandstrände, die Südküste fällt schroff und felsig ins Meer. Und über allem weht ein warmer Wind.


Für einen Tagestrip bewegt man sich auf der Insel am Besten mit dem Mountainbike. Am Hafen gibt es mehrere Verleihstationen. Ideal ist natürlich ein mehrtägiger Aufenthalt, gern in der Nachsaison. Entweder im legendären Luxushotel Mas de de Langoustier, einsam am Ostzipfel gelegen. Oder in einer kleinen Pension im Ort. Da kann man dann am Place d'Armes sitzen und Georges Simenons "Mon ami Maigret" lesen. Der spielt genau hier. Dazu natürlich ein Inselwein, in dem Krimi wird ständig ein Weißer getrunken.
Zwei Güter gibt es auf der Insel. Die Domaine de la Courtade, die vom Elsässer Richard Auther geleitet wird. Bekannt in der Gastronomie ist die günstigere Alycastre-Linie. Bei den Flagschiffen (La Courtade) gibt es einen sehr feinen Rosé, einen Weißwein aus der Rebsorte Rolle (Vermentino) und einen Roten aus Mourvedre. Das anderer Weingut ist die Domaine de l'Ile, immer noch im Besitz der Nachfahren von Jean-Francois-Joseph Fournier, ein belgischer Ingenieur, der in Mexiko reich geworden war. Ihm gehörte bis Ende der 1930er Jahre die gesamte Insel.

Auf Porquerolles nimmt man das Mountainbike:
Hinter Weindeuter der Plage de Notre-Dame 2006

Direkt gegenüber auf dem Festland hatte ich vor drei Jahren mal in Bormes les Mimosas am Südhang des Maurenmassivs, nicht weit vom Meer bei Le Lavandou. ein besonderes Genußerlebnis. Gefüllte Gläser, Tiegel, Teller und Tische an und in einem Haus mitten im Ort. Sehr malerisch gelegen mit engverschachtelten Häusern und steilen Treppen ist Bormes durchaus ein "In-Dorf" geworden, mit schicken Restaurants und kleinen Mode- und Keramikläden. Doch was Jahrhunderte gewachsen ist, behält seinen Charakter, auch wenn es sich in der Saison an Markttagen drängelt...




Die letzte Station an der Küste und damit für diesen kleinen Trip soll Nizza sein. Da wird es schon sehr italienisch. Ich selbst kenne Nice leider nur von der Durchreise. Für mehr als ein kurzes Abfahren der Promenade des Anglais hat es nicht gereicht. Einmal auf der Rückreise im Jahre 1996 in Richtung Heimat, es war schon ein herbstlich kühler Tag Ende September, lockte das Wasser zu einem letzten Bad im Mittelmeer. Es ist ziemlich klar dort und schimmert in tiefem Türkis, es ist ja auch ein Kieselstrand. Das Foto unten zeigt die Stelle, es hatte die Nacht zuvor gestürmt.


Beim Wein sollte man in Nice unbedingt zu einem Bellet greifen. Diese kleine Appellation zieht sich oberhalb hinauf an den Abhängen der Seealpen. Bellet ist neben Chateau Grillet an der Nordrhone die kleinste AOC in Frankreichs mit nur einer Hand voll Erzeuger. Knapp 40 Hektar ergeben ca. 800 bis 1100 hl Wein.
Ich hab leider keinen hier, Bellets verlassen die Region eigentlich kaum. Der Großteil der ohnehin nicht großen Menge wird direkt von den Genießern vor Ort getrunken. Allerdings gab es mal einen Bellet bei einem schönen Abendessen vor einigen Jahren. Eingeladen hatte Claude Berdah-Fischer, die einige Jahre eine kleine Weinhandlung in Dortmund-Körne betrieb. Das Besondere: Claude stammt aus Nizza. Claude’s Weinhandlung war "ein Stück französische Lebensart, in dem kleinen Laden ging es stets mit mediterraner Leichtigkeit zu". Ein Bericht hier bei Genußbereit (klick).

Collet de Bovis 2003 rouge der Domaine du Fogolar, ein selten anzutreffender Genuß aus den Rebsorten Braquet und Folle Noire. Kein Blockbuster, sehr würzig, finessenreich...

Eine Möglichkeit, von dort die Provence zu verlassen, ist natürlich rüberzumachen, gen Italien, die ligurische Küste entlang. Zurück dann nach Deutschland durch die Poebene, mit einem Übernachtungs- und Genußstop im Piemont und/oder an einem der oberitalienischen Seen. Das haben wir 2007 mal gemacht.
Oder man bleibt noch im Lande, fährt direkt nach Norden und genießt ländliches Frankreich pur. In Richtung Grasse wird es schnell steil, eine Stadt mit verwinkelten Gassen, recht hügelig, natürlich bekannt als die Stadt der Düfte, als Stadt des Parfüms. Auf jeden Fall ab hier die legendäre N 85 nehmen, die Route Napoleon. Eine Traumstraße vom Mittelmeer bis hoch nach Grenoble in den alpinen Raum.


Der Korse nutzte die Marschroute, als er, von Elba kommend, am 1. März 1815 mit 1200 Mann an der französischen Küste landete und über Grasse, Digne, Sisteron und Gap bis nach Grenoble 335 Kilometer in einem siebentägigen Gewaltmarsch zurücklegte. Am 20. März 1815 zog er schon wieder als Kaiser in den Tuilerienpalast ein. Allerdings nur für hundert Tage, danach kam Waterloo. Die Geschichte endete bekanntlich auf St. Helena im Südatlantik.
Ich bin die Strecke in beide Richtungen öfter gefahren, mit unterschiedlichen Fahrzeugen, früher auch welche in durchaus kritischem Erhaltungszustand.

1990 unterwegs mit dem Strich 8:
Frühstück an der Route Napoleon


1994 mit dem Kadett B in Sisteron:
Das "Tor zur Provence" an der Route Napoleon

Für den Routier bietet die Route herrliche Ausblicke und Stationen. Auf der Strecke liegen Lavendelfelder, Weinberge und einer der größten und tiefsten Schluchten Europas, der Grand Canyon du Verdon, 21 Kilometer lang und bis zu 700 Meter tief. Allein das lohnt schon die Reise. Der Verdon fließt als grünes Band im Talgrund und mündet in den türkisfarbenen und erfrischenden Wassern des Lac de Sainte Croix. In dieser wenig touristisierten Ecke zwischen Provence und Hochgebirge geht es, auch kulinarisch, sehr angenehm zu.

Gibt es in der Hochprovence noch allerorten:
Ländlich-rustikale Gastlichkeit, hier aufgenommen
in Laragne-Monteglin 2007

Bei Sisteron, dem "Porte de la Provence" mit seinem spektakulären Felsdurchbruch der Durance, nimmt die meditterrane Anmutung dann ab, stattdessen genießt man quellklareBäche und spektakuläre Blicke in die Seitentäler mit ihren schneebedeckten Gipfeln des Alpenhauptkamms. Architektur und Vegetation ändern sich und bevor man die Alpenmetropole Grenoble erreicht, bietet sich noch kurz vorher ein Halt direkt an der N85 am Lac du Petichet an. 

Weindeuter an der Route Napoleon: Lac de Petichet (2007).
Verkostet wurde ein roter Vin de Savoie aus der Rebsorte Gamay:
Erfrischender Genuß auf der Etappe

Zum Abschluß noch ein paar Buchtips. Immer noch ein Treffer ist der schöne Band "Provence, Küche Land und Leute" von Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer (16,95 hier): Mit Liebe und Leidenschaft geschriebene und fotografierte kulinarische Reportagen.
Für Weinkrimifreunde zwei Titel, die in der Provence spielen, beides leichte Kost: Peter Mayles "Ein guter Jahrgang" und Michel Böcklers "Sterben wie Gott in Frankreich".
Zwar ohne Wein, dafür für mich immer noch die schönste Erzählung zur Provence ist Marcel Pagnols autobiographische Romantrilogie "Souvenirs d’enfance / Eine Kindheit in der Provence", verfilmt als "Der Ruhm meines Vaters" und "Das Schloß meiner Mutter".