08.07.2013

Trévallon und Estanilles


Heute ist Ruhetag bei der Tour de Frannce. Der gesamte Troß zieht von den Pyrenäen in die Bretagne. Eine gute Gelegenheit, die beiden zur Tour durch die Provence (klick hier) und durch das Languedoc (klick hier) verkosteten Weine vorzustellen. Bitte auch bei Tour des Vins 2013 reinschauen.


Domaine de Trévallon 2004 (aktuelle Jg. ca 44€ /13%) Ein Cru aus dem vinologischen Niemandsland. Mittlerweile ein unter Weinfreaks weltweit anerkannter Wein, für die Gegend untypisch, ein Solitär aus Les Baux-de-Provence. Dort bereitet der aus dem Elsass stammende Eloi Dürrbach Weine, die unter speziellen mikroklimatischen Bedingungen wachsen. Sie stehen nämlich am Nordrand der Alpilles, den "kleinen Alpen", eine charakteristisch gezackte Felshügelkette. Normalerweise eine heiße Ecke, aber am Nordrand sind sie den den kälteren Winden aus dem Norden ausgesetzt, die heiße Luft aus der Camargue bleibt außen vor. Der karge Boden ähnelt dem in Chateauneuf du Pape, dicke Kiesel liegen da auf der kargen Erde. Der Trévallon besteht aus Cabernet Sauvignon und Syrah, daher die Einstufung als „vin de pays”, darin übrigens dem Daumas Gassac nicht unähnlich.
Wie so häufig bei solchen Outsidern, rührt der Kultstatus von einer Vergleichsprobe mit großen Gewächsen aus Bordeaux, aus der Trévallon mit dem 90er Jg. als Sieger hervorgegangen ist.
Der Charakter des Weins ist eher kühl, man verzichtet auf Überreife, setzt auf Finesse statt Kraft und viel Alkohol. Der verkostete ´04er passte ganz gut in diese Richtung. In der Farbe noch von intensivem Rot, offenen vegetale Nase, Kräuter, Minze, insgesamt viel Küchengarten. Die Frucht taucht als Sauerkirsche auf, tanzt lebendig im Mund. Wer hier mollige Wärme und und ein Maul voll Frucht sucht, muß sich anders orientieren. Das gibt es hier unten auch. Beim Trévallon ist aber weniger Süden im Glas, geht eher in Richtung Nordrhone.




Chateau des Estanilles Cuvée Prestige 2007 Faugéres (12€ /14,5% 20% Grenache, 20% Syrah, 20% Mourvèdre, 20% Carignan, 20% Cinsault)Einer der Crus des Languedoc, Faugéres und die gleichnamige AOC Faugéres liegen schon am "Hang", d.h. an den Südausläufern der Cevennen. Die Appellation ist berühmt für ihr Terroir, nirgends sonst im Languedoc findet sich nämlich eine solche Häufung von Schiefergestein. Estanilles wurde 1976 von Michel Louison gegründet. Der war damit einer der frühen Qualitätspioniere in dieser Gegend derMassenerzeugung und Überproduktion (klick).
Nach dem Verkauf im Jahre 2009 hat Julien Seydoux übernommen, von Haus aus kommt der aus dem Finanzbusiness und krempelt auf Estanilles so einiges um. Details dazu hier bei The Vine Route (klick).
Der verkostete 2007er stammt also noch aus der Hand des Gründers. In der Nase ein kleiner Syrah-Stinker, nach Öffnung dunkle Frucht, eher straff als breit, eine übertriebene Fruchtigkeit oder überhitze Konzentration ist auch hier nicht im Glas. Hat zwar mehr Rustikalität und Kraft als der Trévallon, die holt er aber nicht aus dicken Muskelpakete.


27.06.2013

Tour des Vins 2013


Ein kleiner Hinweis und Ausblick: Im Juli mutiert der Weindeuter, wie schon in den vergangenen Jahren, zum Weinradler. Am Samstag startet auf der Île de Beauté die 100. Tour de France. Das wird natürlich wieder mit dem Glas in der Hand verfolgt, begleitet und kommentiert. Etwas auch hier, vor allem aber auf dem eigens dafür schon seit 2010 eingerichteten Blog Tour des Vins. Das ist die einzige Chronik in deutscher Sprache, die sich in Richtung Frankreich den Themen Rad, Reise und (Wein)genuß widmet. Darum deutlich und groß hier einmal der link darauf:


17.06.2013

Vinolución in Bochum




Nur noch 5 Tage, dann bricht hier in Bochum, direkt in der Nachbarschaft des Weindeuters,  die Vinolución aus. Mit der geballten Faust geht es ans Glas, Weine verkosten...

Im Prinzip erwartet den Weinfreund eine (Endverbraucher)messe. Aber man will hier anders sein, ausgetretenen Pfade verlassen. Zitat:

"Ein urbanes Weinfest kombiniert mit einem innovativen Messeformat, das ein progressives Verständnis von Wein schafft und in moderner Form zelebriert. Mitten in der Metropole Ruhr, in der Universitätsstadt Bochum, zeigt die Vinolución drei Tage lang die Weinkultur von heute. Urbane weininteressierte Studenten können hier kreative Produkte und neue Weine in angenehm ungezwungener Atmosphäre erleben und die Revolution des Rebensaftes feiern. Verkosten, entspannen und entdecken am Tag, tanzen, abschalten und genießen bei Nacht: Attraktive Präsentationsstände im revolutionärem Stil, electronic Sounds und handmade Music verbinden Messe mit lockerer Party."

Gerade beim Thema "weininteressierte Studenten" muß ich natürlich aufhorchen. In diesem Bereich  versuche ich ja auch schon seit Jahren mit dem Boskop-Weinkurs den Weingenuß beim akademischen Nachwuchs zu pushen. Insofern begrüße ich das hoffentlich bunte Spektakel.

Das Konzept bestätigt übrigens teilweise Lenins Diktum, der ja den Deutschen die Fähigkeit zur Revolution absprach, weil sie sich vor Erstürmung des Bahnhofs zunächst mal eine Bahnsteigkarte kaufen würden. Hier ist die Voraussetzung zur Teilnahme an der (Wein)revolution eine Eintrittskarte, immerhin zum moderaten Preis von 6€. Zumal beim Thema Bahnhof gleich das nächste Stichwort gefallen ist. Mit der Rotunde, dem Gebäude des ehemaligen sogenannten Katholikentagbahnhofs, wurde ein stil- und stimmungsvoller Veranstaltungsort gewählt .

Erwähnt sei hier auf jeden Fall noch Heiko Fänger, ein befreundeter Musiker, der tritt im Begleitprogramm am Sonntag ab 14.00 mit "handmade music aus dem Ruhrpott" auf.

Ach ja, der Wein, die Winzer. Versprochen sind dreißig internationale Winzer aus Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal (eine Übersicht hier auf der Hompage klick).

Zumindest ein alter Bekannter ist dabei. Andreas Rips von der Domaine Bosc Long wird die individuellen Weine aus dem Herzen des Gaillac in die aufnahmbereiten Gläser des "urbanen weinbegeisterten Publikums" gießen. Ein älterer Bericht dazu hier bei Genußbereit (klick).

21. – 23. Juni 2013
Rotunde, Konrad-Adenauer-Platz 3, 44787 Bochum



Hier in der Rotunde gehts rund, am nächsten Wochenende




14.06.2013

3 Weiße: Südtirol - Sizilien - Libanon

Endlich Wärme, Frühling, Frühsommer. Auch wenn es anderswo regnet (oder plästert, wie wir hier zu sagen pflegen) und Flüsse das Land überfluten, hier im Ruhrpott scheint die Sonne. Auf also in die grünen Gärten, Weißweine öffnen, frische Kühle genießen! Drei Kandidaten der letzten Tage hier in der Kurzvorstellung, das Motto ist "ABR / Anything but Riesling"...


Premstaler Sauvignon Blanc 2009 Kellerei Kaltern Südtirol / Italien (12€ / 14,5%) Ein Sauvignon von den Kalterer Genossen, wächst in exponierter Lage am Sonnenhang südlich von Bozen auf 500 Meter Höhe. Kein Leichter, der Wein hat Stoff, kommt schon in intensiv-güldenem Gelb aus der Flasche. Cremige Birne, exotische Noten, im Mund voll, weich, zeigt schöne Entwicklung. Guter Begleiter auch zu kräftigen Speisen, da bindet der hohe Alkohol. Die Erzeuger empfehlen u.a. Hirnpofesen.


Bacaro Grillo 2012 Cantina Cellaro Sizilien / Italien  (9€ / 13%) Ein Selbstläufer ist dieser Schönling, ansprechende Aufmachung mit Reliefetikett auf klarer Flasche. Im Glas dann Frische pur, Blütennase, tanzt auf der Zunge, fruchtsaftige Limette, zarte Säure, ein Lustmacher, perfekter Gartenwein.


Les Gourmet Blanc 2011 Clos St. Thomas Vin de Békaa / Libanon (ab 8€ / 13%) Weine aus dem Libanon sind eine neue Leidenschaft, vor allem im roten Bereich. Da können die was, das wurde in letzter Zeit bei zwei großen Libanonproben schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt (Blogposts  hier und hier)
Aber in Weiß? Nun, bitte hier keine knackig Rieslingaromatik erwarten. Der Wein kommt recht weich und in einer ausgewogenen Trinkbarkeit ins Glas, entwickelt einen süffigen Sog. Schon in der Nase ein duftiger Strauß, es sind ja auch aromenstarke Sorten drin: Sauvignon Blanc, Chardonnay & Viognier. Im Mund dann ein "Zungenstreichler", hält mit seiner balsamischen Art sehr gut Stand zur würzigen und vom Olivenöl geprägten Meze - Küche. Top.




26.05.2013

6 Rote: Sud de France reloaded...

Beim Wein ist es wie auch sonst im Leben: Konstanten sind wichtig, die geben Halt und Sicherheit. Alles Recht dem Experiment, der neuen Erfahrung, dem Risiko. Aber auch beim Wein läuft man immer wieder gerne in den Heimathafen ein, macht am wohlvertrauten Ankerplatz fest und genießt vertrautes.

Beim Weindeuter sind dies die Weine aus dem Süden Frankreichs, aus dem weiten Bogen des Midi von den Seealpen bis zu den Pyrenäen, von der Provence über die südliche Rhone, das Languedoc bis in das Roussillon.
Und so wurden in letzter Zeit mal wieder eine Reihe von Flaschen geöffnet. Alle nicht aus dem Spitzensegment, sondern preislich unter 15€. Zweierlei vorweg: Die verkosteten Südfranzosen halten Kurs in Sachen charakterstarker, nicht weichgespülter Sensorik und bieten nach wie vor ein sehr gutes Preis-Genuß-Verhältnis.


"Secret de Famille" 2010 Cotes du Rhone Paul Jaboulet Ainé (10€ / 14%) Ein CdR aus bekanntem Handelshaus, er gibt schon mal die Richtung vor. Neigt allerdings nicht zum Extrem, bleibt brav im Glas. Schöne dunkle Fruchtnase, im Mund füllt er gut, bleibt aber vornehm, gezügelte Kraft für Einsteiger.


Hier platzt es aus der Flasche, ein Wein im Blockbuster-Stil. Viel Saft- und Kraft, konzentrierte Potenz. Ungezügelte dunkle Frucht, satter Alkohol, hält sich nicht zurück, macht in extrovertierter Manier laute Ansage. Ein Muckimann, ein Landbursche, ganz in der Frucht stehend...

"Les Grenache de Sixte" Vielles Vigne Cote du Rhone 2011 Domaine Giraud (11,50€ / 15%) Bekannt für seine Chateauneuf du Papes, dieser CdR erscheint im ersten Jahrgang. Ein Wein aus 60 Jahre alten Rebstöcken bei Lirac. Und ein etwas anderes Kaliber als der Roche. Auch hier ein Vollschmecker, aber mehr differenzierte Finesse. Herrliche Duftmelange aus Veilchenpastillen, Süßholz und Himbeerdrops. Hochkonzentriert, aber kein Sattmacher. Suchtstoff für Freunde der Südrhone, die es höher hinaus zieht, das hier läuft schon in Richtung eines guten Gigondas, TOP...

Copa Santa 2011 Domaine Clavel  (14€ / 14,5% / Syrah 83% Grenache 17%) Ein Klassiker, Pierre Clavels Flagschiff wurde hier schon oft verkostet. Der Copa kommt in neuer Aufmachung. Und präsentiert sich in diesem Konzert überraschend. Kein satter Schmelzbolzen. Hohe Konzentration, weniger auf der fruchtsüßen, von der Grenache geprägten Seite, sondern ein herb-männlicher Syrahsaft. Müßte man mal gegen einen der besseren und nicht vanilleholzverhunzten Australiensern probieren.

Domaine Aires Hautes Tradition 2011 Minervois 7(€ / 14%) Direkt zur Wertung: Der Basiswein der Domaines in dem verschlafenen Dörfchen Siran im Minervois ist super. Für das Geld absolut seriöser Roter, alles drin für Fans der Gegend und des klassischen Südstils: Dichte dunkle Frucht, Reifesüße, Lakritzwürze. TOP...
"Cuvée Nicolas" Vielles Vignes 2010 Domaine Lafage (10€ / 14,5%) Überraschend kühl kommt er daher, der Nicolas. Sind es die alten Grenache-Reben aus Höhenlage vom Fuße der Pyrenäen? Konzentrierte Kirsche, ohne Fett, seidige Frucht mit Substanz, sehr erfreuliche Entdeckung.














Bezugsquelle für alle Weine (bis auf Jaboulet): WEINZECHE ESSEN


06.05.2013

Weinromantik: Weinfrühling an der Ahr


Nicht immer nur verkosten, prüfen, bewerten, kritikastern - das ganze selbstreferentielle Gedöns um den Wein macht zwar Spaß, ist aber natürlich nicht alles. Genuß ist auch und vor allem Gefühl, Wein ist auch Romantik. Und deshalb gibt es jetzt die volle Packung Glückshormone: Eine Wanderung durch die Weinberge, mit dem Glas in der Hand...
Immer im April gestalten die Dernauer Winzer ihren Weinfrühling. Sicher, solche PR-Aktionen gibt es viele im deutschen Weinuniversum. Aber in dem kleinen Winzerdorf an der Ahr wird das mit viel Herz und Liebe zum Detail umgesetzt.
Landschaftlich ist die Ahr ja keineswegs langweilig, im Gegenteil. Ich würde die These wagen: Die Ahr ist eines der schönsten deutschen Weingebiete. Auch weil es so klein ist und alles sehr kompakt beieinander liegt. Kurz hinter Walporzheim wird das Tal eng, alle Zutaten einer klassischen romantischen Landschaft sind vorhanden: Spektakuläre Felsen, Burgruinen, schroffer Schiefer auf denen die Reben sitzen.



Nur ein kurzer Exkurs zum Weinbau an der Ahr. Aufgrund ihrer absoluten Nordlage jenseits des 50. Breitengrades als Rotweingebiet (fast 90% rote Sorten, davon über 60% Spätburgunder) ist sie ein Kuriosum, möglich nur durch die mikroklimatisch günstigen Bedingungen mit den warmen, nach Süden ausgerichteteten Schieferlagen am Rande der warmen rheinischen Tiefebene. Infos über Geologie, Rebsorten und Weingüter an der Ahr sind hier auf Ahr und Wein zu finden.
Knapp über 40 Winzer sind tätig, alle anderen Traubenerzeuger liefern an die 4 Genossenschaften ab. Als die Topwinzer gelten die sechs VDP Betriebe Meyer-Näckel, Adeneuer, Nelles, Stodden, Deutzerhof und Kreuzberg, klicken, da geht es auch zu den jeweiligen Websites. Die Stile sind durchaus unterschiedlich, es herrscht ein Wettbewerb, sodaß es sich lohnt, die Weine mal quer zu probieren. 



Doch zurück zum Weinfrühling in Dernau. In diesem Jahr war es kalt und zu Beginn am Samstag noch etwas feucht. Nebelschwaden stiegen auf, tauchten das Tal in zartblauen Dunst....
Der Talkessel hat was von einem Amphiteather, die Reben stehen in Reih und Glied wie Zuschauer, großartige Kulisse. An den schönsten Aussichtspunken in den Weinbergen sind Zelte, Tische und Stühle aufgebaut. Die örtlichen Winzer öffnen ihre Flaschen, bieten leckere Gericht an, durchweg zu zivilen Preisen. Natürlich gehört auch reichlich deutsche Wanderfolklore dazu, Rentner in Mephistoschuhen waren aber keineswegs in der Überzahl. Sondern auch jede Menge Jungvolk tummelt sich. Wobei hier natürlich nicht sportliche Höchstleistung gefragt ist, sondern kulinarisches Durchhaltevermögen und Weindurst.



Das Weingut Erwin Riske stellte wieder einen rustikalen Ahrtaler Tapasteller zusammen, mit Schinken, Mettwurst, Sülze. Bei Kreuzberg gab es Schmalzbrote und im mobilen Pizzaofen frischgebackene Winzerfladen, die Gutsschenke Meyer-Näkel servierte Wildschweinwürste vom Grill.



Auch bei den Weinen gab es nicht nur den einfachen Winzerschoppen. Auch vom Besseren wurde in die aufnahmebereiten Gläser eingefüllt, wie hier beim Weingut Kreuzberg.



Ludwig Kreuzberg schenkt ein, mit Assistentin...



Herausgehoben sei hier nur der samtig-reichhaltige Spätburgunder zu Ehren der aktuellen Deutschen Weinkönigin Julia Bertram. Die kommt nämlich just und direkt aus Dernau vom Weingut Ernst Sebastian. Dort ist man natürlich stolz auf die Tochter und dekorierte die Flasche und den Weinstand mit einem schönen Porträt. (Wein)romantischer geht es ja wohl kaum...




Eine vinologische Entdeckung gab es auch noch: HJK. Das sind Hermann-Josef (Jüpp) Kreuzberg, Bruder von Ludwig Kreuzberg vom gleichnamigen VDP Weingut. seine Söhne David Kreuzberg (Kellermeister), Michel Kreuzberg (Marketing) sowie Joern Heiner (Organisation). Hier geht man mit Liebe zum Detail, das Ganze hat Drive. Der Stand war auf jeden Fall gerade von Einheimischen schwer umlagert. Später dazu mehr, wenn wieder verkostet und nicht mehr romantisiert wird... 








Abschluß im Kloster Marienthal, der Abt im Glas




30.04.2013

Frühlingsgefühle: Von Winning Sauvignon Blanc I


Nicht nur die Winzer folgen dem Rythmus der Jahreszeiten, auch das Weinmarketing richtet sich nach Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Kein Händler, der zur Zeit keine Frühlingsweine anbietet. Aber auch in den Blogs und Gruppen zwischen Facebook und google+ sind allerorten Weine, die den Frühling preisen, den langersehnten, nach dem längsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Mal abgesehen vom Kommerz, es hat natürlich auch was (wein)romantisches, und darum auch hier beim Weindeuter ein Frühlingswein. Ein Wein der hinausführt aus der Kälte und Dunkelheit, hinaus ins Offene, in die sprießenden Gärten und Auen. Das gefüllte Glas nicht gerichtet Richtung dunkler Zimmer Kerzenschein, sondern hoch in der hellen Himmel Sonnenstrahl...

Sauvignon Blanc I Von Winning / Pfalz (12,5 %/ 17€) "Von Winning" ist die Neuerfindung des Weingutes Dr. Deinhard in Deidesheim, quasi das veredelte Segment, die Marke für die aufwändiger und mit hohem Anspruch produzierte Premiumlinie. Man will hier ganz nach vorne.
Der Werbe - und Medienunternehmer Achim Niederberger hat nach Bassermann - Jordan und Reichsrat von Buhl auch das VdP - Weingut Dr. Deinhard gekauft und wurde dadurch zum größten privaten Weinerzeuger Deutschlands. Die drei Traditionsgüter an der deutschen Weinstraße gehörten schon mal zusammen, wurden aber im Rahmen der Jordanschen Erbteilung im Jahre 1848 getrennt. Mit viel Geld wurde bis heute umgestaltet, ein Restaurant und ein Hotel sind eröffnet worden - Deidesheim, das Genußeldorado in der Pfalz. Schon Helmut Kohl hat ja gerne im Deidesheimer Hof mit Michail Gorbatschow und Maggie Thatcher Saumagen gegessen ("Deidesheimer Hof, Kohls zweites Wohnzimmer", klick).

Doch zurück zu Von Winning. Zuständig für den Wein dort ist Stephan Attmann, ein Mann der für seine Sache brennt und lebhaft zu erklären weiß, wie ich vor ein paar Wochen wieder beim Hugenpoet Weinevent in Essen erleben konnte. Kerngeschäft sind natürlich die Rieslinge aus den klassischen Lagen um Deidesheim, die stellen über 80% der zur Zeit 40 ha Rebfläche. Hinzu kommen im weißen Bereich Chardonnay und, ganz einem Trend in der Pfalz und in Rheinhessen folgend, seit dem Jahrgang 2008 Sauvignon Blanc.
Der kommt gleich dreifach: Der Einsteiger für 10€ ist der Sauvignon II, die Spitze markiert der 500 (Selektion von 500 Liter-Holzfässern, in denen der Wein spontan vergoren wurde) und der verkostete I. 70% wurde hier im Holz vergoren, reiche Exotik-Fruchtnase, Im Mund merkt man das starke Fundament. Ein saftiger Gaumenfüller, gepuffert durch kräftige Säure im Caipirinha-Stil, Limette, kräutrige Würze. Ein intensiver Wein mit Wumms, kein leichter Terrassenschlotzer, obwohl er auch da seine Figur macht.








11.04.2013

"David trifft Goliath" in Dortmund




Size does matter, auch beim Wein? Antwort auf diese Frage gibt es morgen (12.04.) im Mövenpick Weinkeller in Dortmund (klick). Identische Jahrgänge werden aus unterschiedlichen Flaschengrößen geöffnet, von klein bis groß (0,375 – 6l) , von Bordeaux bis Riesling, von jung bis reif … 


Bezahlt wird über Probenkarte, verkostet werden kann zwischen 16 und 19 Uhr.

Die Weinliste hier vorab:




30.03.2013

Libanon kommt - Probe mit Spitzengewächsen



Weine aus dem Libanon sind hierzulande Exoten. Weinlaien können damit gar nix anfangen. Die fragen höchstens, in völliger Unkenntnis der Materie, was denn "die Moslems da unten mit Wein zu schaffen hätten". Weinfreaks fällt dazu meistens nur der schon lange eingeführte Chateau Musar ein. Das ist, wie leider so vieles in dieser Welt, vollkommen ungerecht.

Zunächst ein kurzer Blick zurück. Der Weinbau im Libanon hat eine lange Tradition, ist aber bis in unsere Zeit gekennzeichnet durch den Wechsel von Niedergang und außerordentlichen Zeiten des Wachstums.
In der Antike gehörte das Gebiet des heutigen Libanon zum historischen Kanaan, wo ja bekanntlich schon Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Man bewegt sich beim Verkosten sozusagen auf biblischem Boden.
Die Phönizier sorgten für den ersten großen Boom. Sie verbreiteten mit ihren Schiffen die reichhaltigen Weine der Levante im ganzen Mittelmeerraum, die ersten Weinhändler der Welt.
Während der langen muslimischen Herrschaft hielten Juden und Christen das Wissen um die Rebkultivierung aufrecht, die Weinproduktion wurde in geringem Umfang bis in die Neuzeit nach antiken Methoden betrieben.
Spannung kommt erst wieder Mitte des 19. Jh. durch die Franzosen ins Spiel. Unter ihrem Schutz wird die autonome Provinz Mont Liban ausgerufen, 1857 legen Jesuitenmönche den Grundstein für den neuzeitlichen Weinbau und gründen das Weingut Ksara, nach einer ehemaligen Festung aus der Zeit der Kreuzritter.
Während der französischen Mandatszeit zwischen den Weltkriegen steigt die Nachfrage nach Wein, Beirut wird zum "Paris des Nahen Ostens". Es kommt zu umfangreichen Neupflanzungen, vorwiegend französische Rebsorten wie Cinsault, Carignan, Mourvèdre, Grenache, Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah, Sauvignon Blanc, Blanc, Sémillon und Chardonnay.
1930 gründete Gaston Hochar Château Musar, das legendäre Weingut, welches bis heute für den libanesischen Wein ein dickes Ausrufezeichen setzt und einen Platz unter den Crus dieser Welt behaupten kann.
Erneuter Rückschlag dann durch den libanesischen Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990. Rebberge im Bekaatal wurden zerstört, der Weinbau kam beinahe zum Erliegen.
Wenn heute wieder von einer Renaissance des libanesischen Weinbaus die Rede sein kann, sprechen wir hier von einer Entwicklung der letzten 20 Jahre. Viel Geld wurde in die Modernisierung der Weingüter gepumpt, gleichzeitig gab es Neugründungen, z.T. innovative Boutique-Weingüter mit ausländischem Kapital und Beratung.
Im Jahr 2010 erzeugten im Libanon rund 40 Weingüter auf rund 30.000 ha etwa acht Millionen Flaschen, wobei die sechs größten Erzeuger (Château Ksara, Château Kefraya, Château Musar, Château St. Thomas, Domaine Wardy und Massaya) für 85% der Jahresproduktion verantwortlich sind.

Vielleicht gibt es ja auf dem deutschen Markt Bewegung in Richtung Weine aus der Levante. Zumindest in der Berichterstattung tut sich was. Hendrik Thoma (klick) war vor kurzem im Bekaa Tal unterwegs, auf der Prowein gab es einen großen Gemeinschaftsstand, aktuell gibt es bei Captain Cork einen Libanesen, wenn auch wieder "nur" Chateau Musar.

Ich hatte schon im letzten Dezember Gelegenheit, an einer beeindruckenden Leistungsschau libanesischer Weinkunst teilzunehemen. In der Phönicia-Lounge in Bonn hielt man sich dabei nicht groß mit Präliminarien auf, sondern brachte wirkliche Spitzen aus dem Morgenland in die aufnahmebereiten Gläser. Eines vorweg: Wer bei Wein und Libanon "heißgekochte" und plumpe Gewächse voller Alkohol assoziiert liegt falsch. Die Tropfen profitieren in ihrer Gesamtaromatik von der ausgeprägten Höhenlage vieler Pflanzungen, z. T. bis in weit über 1000 Meter Höhe. Und man spürt, daß sich viel französisches Know-How bei der Abstimmung der Cuvées erhalten hat. Es kommt durchweg Wohlgeschmack ins Glas, welcher einen harmonischen Trinkfluss befördert. 


Chateau Fakra 2008 "Pinacle" (Cabernet/Syrah/Cinsault 13% / 9€) Zu Beginn schon ein herrliches Duftsträußchen, fruchtbetont, sehr frische Frucht, wache Säure, Thymian, Vanille, schöner Einstieg für unter 10€.

Domaines des Tourelles 2010 (Cabernet/Syrah/Cinsault 14% / 12€) Auch hier ganz auf der Fruchtlinie, appetitanregende Frische, kein Sattmacher, genau richtig für den Beginn.

Clos de Cana Rouge 2005 (Cabernet/Grenche/Syrah/Cinsault 13% / 9€) Sehr offene Nase, saftige Süße, erste Reife, fein, nicht fett.


Domaine Wardy Syrah 2007 (13,5% / 12€)% Es wird kräftiger, dunkler, blickdicht im Glas, kleiner Torfstinker, satter Fruchtkern, feines "süffiges" Tannin, Reifesüße, pendelt schön zwischen würziger Erde und beeriger Frucht.


Clos de Cana "Valée Lamartine" 2003 (Cabernet/Merlot/Syrah 13% / 15€) Viel Duft, Reife, erste Steigerung in Richtung Hedonismus im Glas. Weiche cremige Frucht, in der Mitte ein Sauerkirschkern, sehr gute Länge, ideelle Mischung aus Bordeaux und Chateauneuf du Pape. In der Mittelkasse unter 20€ ein Top-Wein.


Marquis des Beys "Grande Cuvée Pierre L. Brun" 2009 Domaine des Tourelles (Cabernet/Syrah 14%  / 25€) Ein Vollschmecker, intensiver Wein, seidige Nase, füllt den Mund sehr stimmig, raffiniert, erstes Raunen am Tisch, bisher der Beste.


"Perseides" Chateau Khoury 2007 (Syrah/Cabernet/Merlot 14,5% / 32€) Orientalische Aufmachung, wiederum offene Nase, etwas mehr Süße am Gaumen, recht weich, klassischer warmer mouth-pleaser Stil.


EL Ixir 2009 13,5% / ca. 40€) Neues Weingut mit interessanter Kellerarchitektur, moderne Aufmachung, hier hat man viel Geld in die Hand genommen und noch einiges vor. Die Önologie liegt in spanischen und französischen Händen. Ixsir will mit dem EL hoch hinaus, meldet Premiumanspruch an. Der Wein präsentiert sich sehr ausgewogen, will den Anschein zu hoher Konzentration vermeiden. Im Ergebnis viel internationale Eleganz, bei aller Reichhaltigkeit geschliffen.

Chateau Nakad 2005 (Cabernet/Syrah/Grenache/Merlot 14%/23€) Nach dem EL ein kleiner Schritt zurück, kann aber bestehen. Viel Frucht, Schoko, Mundfüller, geht in Richtung Perseides. Mattschwarze Flasche.


"Comte de M" 2006 Chateau Kefraya (Cabernet/Syrah14% / 40€)  Ein Großer, gilt nach dem Musar als die Nummer 2. Was kann der Comte? Ein Bordeaux im Glas? Ein Großer etwa? Schmelz, Eleganz, Cassis, Süßkirsche, Crema, Rauch, Tabak, Zigarrenkiste, Touch of Magic. Alles drin, mein Favorit des Abends, absoluter Top-Wein.


"Le Souverain" Ksara 2006 (Cabernet/Arinarnoa 13,5% / 45€) Ksara ist DER Klassiker im Libanon, seit 1857 von Jesuiten aufgebaut, 1973 nach einer Entscheidung des Vatikan privatisiert. Großer Betrieb mit insges. 300 Hektar Rebfläche, stetig modernisiert. Liefert sich mit Kefraya stets ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dies ist der Spitzenwein, zum 150. Jahresjubiläum des Traditionsgutes produziert (1857-2007) aus 50% Cabernet Sauvignon und 50% Arinarnoa, einer sehr seltenen Rebsorte (weniger als 120 ha weltweit), einer Kreuzung zwischen Merlot und Petit Verdot. Stoff pur, hochkonzentrierte Granate, die ihren Hedonismus ungehemmt zur Schau stellt. Er wäre der Souverän, sicher. Wenn nicht an diesem Abend in Bonn auch noch die anderen Anwärter auf den Thron in die Gläser gekommen wären.


Aurora Cabernet Franc 2010 13,5% / 35€) Schon zum zweiten Mal verkostet, kommt sehr mitteleuropäisch daher. Waldboden, Trüffel, dunkle Früchte, ein Charakterschluck, sozusagen der Barolo der Verkostung - herrlicher Wein. Aurora ist eine Neugründung, nur 4000 Flaschen werden insgesamt pro Jahr auf 1,4 Hektar erzeugt. "Garagenwein" mit hohem Qualitätsanspruch.



Chateau Musar 1986 (Cabernet/Carignan/Cinsault 86er ca. 100€ / aktueller JG. ca. 30€) Und dann kam er doch noch ins Glas, die Legende. Ein Wein aus dem Libanon, der den Weg in die Gläser leidenschaftlicher Weintrinker planetenweit findet. Aus in 1000 Meter Höhe im Bekaa Tal gereiften Trauben wird er in Beirut in einer im Jahr 1930 gegründeten Kellerei bereitet. In den letzten Jahren habe ich in großen Abständen immer mal wieder einen MUSAR probiert. Manchmal: Enttäuschend, über den Berg, trüb + oxydativ. Meistens aber: Faszinierend, schillernd, - wie dieser herrlich gereifte 1986. Relativ hellfarben, tiefduftig in der Nase, süßwürzige orientalische Noten von getrockneten Früchten, Orangenschale. Nicht dick und aufdringlich, sondern fein und differenziert, der Wein tänzelt, eine insgesamt faszinierende und eigensinnige Aromatik, die viel "Gefühl" freisetzt. Wenn man schon Analogien anstellen will, wäre dies der Burgunder der Probe. Und somit ein würdiger Abschluß.












13.03.2013

Steht noch: Mondavi Napa Zinfandel 1998



Ein Wein für einen 15. Geburtstag aus dem Keller holen, das war die Aufgabe. Einen ´98er, das Geburtsjahr der Tochter. Die soll natürlich einen Schluck abbekommen, der Rest ist dann den anwesenden Weinfreunden vorbehalten. Bordeaux aus dem Jahrgang ist da, aber halt: Warum nicht den Mondavi - Zinfandel? Der muß wohl langsam weg, das Etikett mit dem gerissenen oberen Rand löst sich ja schon ab.

Zinfandel Napa Valley 1998 Mondavi Winery (14,6% /23€) 15 Jahre sind für einen California - Zinfandel eine durchaus lange Reifezeit. Es sind häufig fette Fruchtbomben, extrovertiert und mit viel Schmackes, oft jung so überwältigend, süffig, säure- und gerbstoffarm, daß sie runterlaufen wie Brombeersirup mit Red Bull.

Was soll man da groß reifen und altern lassen? Die Empfehlung lautet hier eigentlich immer: Jung trinken. Damit es nicht in aromatische Peinlichkeit abgleitet. Wer will schon ´nen alten Tattergreis in Lederfransen auf der Harley im Glas. Was kann der geöffnete ´98er also, was bringt er noch? Ein Umstand kommt dem hier aber Wein zugute. Mondavi setzt bei seiner Napa-Linie nicht auf maximale Frucht und Sättigung, sondern versucht, immer eine gewisse Finesse zu bewahren.

Das Programm ist mittlerweile umgestellt worden. Die "gerissenen" Etiketten gibt es nicht mehr. Auch ein Zinfandel taucht bei den normalen Napas und den Reserve Napas nicht mehr auf. Was mich wundert. Denn es scheint mir, daß Zinfandel in Richtung "üppig und voll" aus Kalifornien durchaus eine Renaissance erleben könnte. Dave Phinney mit seinen Orin Swift Weinen ist da so ein Beispiel. Er macht Weine, die in ihrer Aromatik nicht gerade durch Schüchternheit auffallen. The Prisoner, Saldo und Papillon sind hochkonzentrierte und reifesüße Alkoholbomben (klick).

Aber zurück zu Mondavi. Nur noch in der günstigen Zone unter 10€ zinfandelt es noch: Woodbridge Zinfandel und Twin Oaks Zinfandel sind als einfachere Konsumqualitäten in Riesenstückzahlen erhältlich. Aber die sind mit dem verkosteten Napa Zinfandel nicht zu vergleichen. Denn dieser, und das erfordert nicht nur die Dramaturgie dieser kleinen Geschichte, sondern das ist die reine Wahrheit, steht noch sehr ordentlich im Glas. Feiner Rauch strömt, Karamell, warme Reifenoten, im Mund noch überraschend saftig, keineswegs müde. Hat noch reife süße Frucht genug, entwickelt sich mit etwas Luft zu einem schönen Mouthpleaser.