21.07.2014

Rhone Nord





Die Tour der France ging in der letzten Woche in die Alpen, endlich. Nach den Etappen über die Schlachtfelder von WW I und vollem Programm in den Vogesen wurde von St. Etienne kommend straight ahead nach Osten geradelt, Etappenziel war Grenoble. Zur besseren Orientierung oben mal die Etappenkarte, für uns Weinleute wurde es kurz nach dem 3er Pass interessant, südlich von Lyon wird die Rhone gequert, genau durch die Weinberge vonCondrieu.
Ich erinnere mich an einen Aufenthalt dort vor 9 Jahren, eine Übernachtung ein paar Kilometer nördlich in Vienne. Wir waren auf dem Weg ins Languedoc am späten Nachmittag dort, hatten Hunger und Durst und keine Lust mehr, weiter nur Kilometer zu fressen. Gegessen haben wir damals sehr schön im Restaurant Le Cloitre, direkt neben der mächtigen Kathedrale St-Maurice. Den Wein dazu weiß ich nicht mehr, es wird aber gewiß einer von der nördlichen Rhone gewesen sein.







Der weitere Verlauf bis Grenoble führte dann durch eine reizvolle und fruchtbare Mittelgebirgslandschaft, rurales Frankreich erster Güte. Etwas nördlich der Streckenführung gibt es den sehr schön zwischen Hügeln, Wiesen und Wäldern gelegen Lac de Paladru.





Auch dort legten wir auf dem Weg in die Provence mal eine Zwischenübernachtung ein. Nach Tretbootfahren und Schwimmen gab es eine Stärkung im Le Relais de la Tourelle, ein Gasthaus, wie es sie in Frankreich abseits der großen Touristenströme noch immer gibt. Ein preiswertes, reichliches und handwerklich gut zubereitetes Menü, das glücklich macht. Dazu gab es einen Vin de Savoie.





Auch der Zielort Grenoble gehört zum Standardprogramm auf dem Weg ins Midi. Wählt man die (längere, dafür schönere) Anreise durch die Schweiz, kommt man nach dem Genfer See über die A41 schnell über Annecy und Chambéry in die Alpenmetropole. Nur zum durchfahren ist die Stadt zu schade. Auffallend ist die enorme Studentendichte (4 Unis mit ges. 60.000 Student/innen !) und die hohe Zahl italienischer Lokale. Im 20. Jahrhundert erlebte die Stadt zwischen den zwei Weltkriegen eine massive italienische Einwanderung, vor allem ins Stadtviertel Saint-Laurent, das "quartier italien".



Es lohnt sich, mit der Seilbahn, den "bulles de grenoble", auf die Bastille, hochzufahren. Der Blick nach Süden, vorne das Stadtpanorama, dahinter die Alpenkette, ist großartig. Für die weitere Route Richtung Süden muß man sich dann entscheiden. Hat man es eilig fährt man die N75 (Route Hannibal) über den Col de Croix Hauteund ist dann (relativ) schnell in Sisteron, der "Pforte zur Provence". Oder man läßt es ruhiger angehen und nimmt die N85, die berühmte Route Napoleon. Die beginnt direkt in Vizille kurz hinter Grenoble, aber da fahren sie erst morgen durch, auf dem Weg in die Hochalpen. Heute geht es quasi in Sichtweite der Stadt knackig hoch, ein HC-Anstieg auf das Skiplateau von Chamrousse.

Der Wein zur Etappe ist natürlich einer von der nördlichen Rhone, da wo sie heute rüberfahren. Nordrhone findet in Deutschland eher selten den Weg in die Gläser von Weinnovizen. Da ist zum einen die Syrah, die von den Hängen des Hermitage, von der Cote Rotie, aus Cornas etc. nicht so schmelzig- üppig ausfällt, wie man es aus dem Süden kennt. Hier kommt sie maskuliner daher, wenn diese Beschreibung mal erlaubt ist. Weniger breite, süße Frucht, mehr fokussiert auf würzige Strenge, Lakritz, Blut, Stein. Falls sich die Gelegenheit ergibt, unbdigt mal einen Cru aus der Gegend probieren.
Das oben schon erwähnte Condrieu ist eine Ecke für besondere Weiße aus der Viognier Traube, daraus ist auch der Etappenwein.





Viognier de Rosine Mas Ogier d ´Ampuis (12,5%/20€) Ein weißer vom Rande der Appellation, darum als VdP deklariert, wieder einer, der auf Granitböden wächst (klick), wieder sehr eigen in der Aromatik. Keine Riesennase, aber das muß er auch nicht, kommt fein daher. In der Kindheit gab es mal was, das nannte sich Eisbonbon, das erinnere ich hier, kühle Frucht, ganz leicht tropisch, fester Pfirsich und Ananaswasser. Aber immer ohne Übertreibung, bleibt dezent, man muß reinriechen und reinschmecken. Im Mund dann schöner Schmelz, recht weich, wenig Säure, kleidet aus, was nussiges kommt dazu, vom Holz (2/3 im neuen Barrique, zu 1/3 im Edelstahltank vergoren), aber auch hier dezent.
Nach längerem Schmecken und einiger Luft, bitte den Kandidaten hier nicht zu kühl verkosten, wird klar, daß die Rosine bei aller Leichtigkeit ein ziemlich solides Fundament hat, und auch die Baßtöne ganz gut am Gaumen aufzuspielen weiß.

08.07.2014

Tour des Vins 2014



Es geht wieder los, La Grand Boucle zieht ihre Spur durch Frankeich! Zum 101. mal findet die Tour de France statt. Und wie schon in den vergangenen Jahren mutiert der Weindeuter im Juli zum Weinradler und begleitet zusammen mit dem Priorat-Hammer das Spektakel virtuell durch eine paar Weine, Reiseberichte und sportliche Kommentare. 

Was ist in diesem Jahr an Wein zu erwarten? Welche Regionen werden durchfahren?

Es geht los mit einem Champagner: Reims und Epernay sind Etappenorte. Dann ein Abstecher ins Elsaß, ein schöner Gewürztraminer wartet. Danach Jura und Savoyen, auch da gibt es feine Flaschen. Dann über die Rhone nördlich von Lyon durch das Beaujolais und südlich bei Condrieu. Schließlich eine weinsatte Etappe durch die Provence über die Rhone bis Nimes. Von Carcasonne aus, noch Languedoc, geht es rebgesäumt in die Pyrenäen und wieder heraus durch Sud-Ouest bis ins Bergerac. Auch da dürften passende Weine kein Problem sein.

Wer mitmachen möchte, bitte hier klicken: Tour des Vins 2014.









30.06.2014

Chileriesling am Ijsselmeer

Weindeuter schippert und genießt

Noordholland, nur zwei Stunden aus dem Pott raus und doch eine andere Welt. Flach, Land, weiter Horizont, darüber: Hollandse Luchten. Idylle und doch wieder nicht. Denn im 17. Jahrhundert war das hier die Heimatbasis eines, um es mal neutral auszudrücken, weltweiten Handelssystems. Im sogenannten Gouden Eeuw plünderten die Niederländer mit ihrer VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) Südostasien aus und transportierten mit einer Riesenflotte edle Sachen wie Tabak, Zucker, Gewürze, Seide und Baumwolle in die nasse Heimat an der Noordzee. 
Das hab ich hier ständig im Koppe. Und darum bin ich auch gar nicht überrascht, sondern in meinen Gedanken bestätigt, als ich in einem kleinen Weinladen im alten Hafenstädtchen Medemblik einen Riesling erblicke, dessen Trauben im fernen Chile gereift sind. Natürlich muß dieser Exot mit, Verkostung dann im Ferienhaus, am Bootssteg...


Riesling 23 Single Vineyard Cono Sur 2012 (13,5%/18€) Ein junges Weingut, ziemlich groß, 1993 gegründet. Man produziert in der Menge, die Basis ist günstig. Der Riesling ist im Single Vineyard Segment angesiedelt, die Trauben wachsen auf roter Tonerde in Höhenlage.
Wie steht der Wein im Glas? Schönes gesättigtes Weißgold, in der Nase Reife, Entwicklung, Trockenaprikose, Honig. Im Mund schöne Crema, Säure im Hintergrund, voll. 
Wer sich hier vom Label "Riesling" irritieren lässt und sich womöglich aromatisch in Richtung Mosel & Co. in seiner Erwartungshaltung orientiert, liegt komplett falsch. Aber das muß ja auch nicht, im fernen Noordholland verkostet man und genießt die Vielfalt der Welt.
Die Hompage des Weingutes empfiehlt übrigens als food pairing u.a. Edamer und Gouda.



14.05.2014

Öküzgözü, Bogazkere, Karasakiz...şerefe!



Die Türkei steht in der Traubenproduktion weltweit auf Platz drei und hat fünfmal mehr Rebfläche als Deutschland. Davon werden aber nur wenige Prozent für den Weinbau verwendet, die große Menge wird als Tafeltrauben gegessen oder zu Rosinen verarbeitet. Der Weinkonsum liegt heute nur bei einem knappen Liter pro Kopf und Jahr. Dabei hat das Land eine uralte Weinbau-Tradition, schon im 4. Jahrtausend v.Chr. gab es kultivierte Rebflächen in Anatolien. Außerdem ließ sich ja auch schon Noah dort als Winzer nieder, nachdem er mit seiner Arche nach der Flut auf dem Berge Ararat gelandet war. In der osmanischen Periode war es dann nur den christlichen Minderheiten erlaubt, Wein zu produzieren. Erst unter dem als Weinliebhaber bekannten Kemal Atatürk nahm in den 1920er Jahren der Wein in der Türkei wieder einen gewissen Aufschwung, die auch heute noch existierenden Großbetriebe wie Doluca und Kavaklidere wurden in dieser Zeit gegründet. Kleine, individuell arbeitende Winzer gibt es bisher viel zu wenig. Dabei sind die Voraussetzungen für einen neuen Schub gegeben. Terroir und klimatische Bedingungen sind vielfältig und günstig, eine westlich orientierte Mittelkasse wäre möglicherweise von mehr Weinkultur zu begeistern.

Doch leider hauen bis in die jüngste Ggenwart immer wieder Fundis dazwischen, und wollen unser so sehr geschätztes Genußmittel aus dem Alltag der Menschen verbannen. Der Anbau, die Verbreitung und Vermarktung des Genußmittels Wein scheint dort ein ständiger Reibungspunkt zu sein. Am liebsten würden Erdogan & Co. die Türkei wohl "trocken legen" (klick).

Hier bei uns im Hedonistenparadies hat der Türkwein ein ganz anderes Problem. Er ist, wie einiges andere auch (Georgien, Bulgarien, Libanon etc.) ein absolutes Nischenprodukt. Weinfreunde hier sind durch das Angebot völlig übersättigt, selbst lange angekündigte Aufsteigerländer haben es da schwer. Eine Möglichkeit für diese Weine wäre die jeweils landestypische Gastronomie, da wären Weine aus der Türkei natürlich im Vorteil.
Wobei mich auch hier einige Beobachtungen aus der letzten Zeit irritieren. In einem Mittelding zwischen Dönergrill und Restaurant, sehr gut besucht, mit sehr schöner Grillqualität bei Fleisch und Gemüse, mitten in Bochum, war die Devise "no alcohol", nicht mal ein kühles Efes war verfübar. Rücksichtnahme auf die Fundifraktion...

Um so verdienstvoller, anerkennneswertter und sowieso bewunderswert ist der Einsatz von Importeuren, die Weine der Levante nach Deutschland bringen und auf guten Ab- und Umsatz hoffen. Mir gefällt das, schon weil es eine schöne Abwechslung in die Gläser bringt. Wer wollte denn immerzu die immergleichen Rieslinge, Bordeuax & Co. im Glas haben?

Einer dieser Eifrigen ist Tufan Topcu. Ende 2011 betrat er unter dem Label Gourient die Szene mit einem Shop für türkischen Weine, Raki und Olivenöl. Er sitzt in Weimar und da das natürlich keinen großen Vort-Ort-Absatz ermöglicht, stützt sich sein Geschäftsmodell vor allem auf den Internethandel. Die Homepage ist top, getaucht in türkisches lila (klick hier).

Sehr schön, daß auch Weinblogger bemustert werden, die beiden verkosteteten Flaschen wurden dem Weindeuter ins Haus und somit in die Gläser geschickt.





Suvla Blush Karasakiz 2012 (13% / 12€) Ich sag es ehrlich, ich hatte mehr Süße erwartet. Doch nichts davon im Glas, stattddessen ein völlig korrekt gemachter frischer Rosé. In der Nase duftig, Frühlingswiese, ganz zarte dünnwandige Blüten, in der Nase Himbeere, etwas süßer Hagebuttentee, im Mund voll, Moderate Säure, er kleidet aus, da kommt Würze, durchaus stoffig, kein Leichter, kein Wässerchen, erinnert an einen seriösen Provence-Rose.

Vinkara Quattro Kirmizi 2012 (13% / 8€) Auch der Rote aus den wohlklingenden Sorten Öküzgözü, Bogazkere, Alicante kommt mit frischer Frucht, gebremsten Gerbstoffen, etwas Würze, nicht fett, kommt im Ausdruck nicht ganz an den Rosé ran, guter Tischwein mit flotter Aufmachung, der vielen schmecken dürfte.

So, zum Abschluß noch etwas türkisch für Weinanfänger: “Üzüm” heißt “Traube”, Wein heißt “Şarap”,
Prost ist "şerefe". Kann ja mal wichtig werden... 






01.05.2014

1. Mai: Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse


Der 1. Mai, Tag der Wende, Tag des Beginns, Tag des Aufbruchs. Man tanzt hinein, man vögelt hinein, endgültig den Winter hinter sich lassend, den Frühling begrüssend. Die Knospen spriessen, die Säfte fliessen. Aber: Es gilt auch, sich zu erinnern, was in den Maitagen 1886 auf dem Haymarket in Chicago geschehen ist. Und wer dort aus welchem Grund sein Leben ließ. Daran zu gedenken wurde drei Jahre später der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen.
Darum kam heute was Rotes ins Glas, Wein vom Rotschieder, vom Roten Hang in Nierstein: Niersteiner Oelberg Riesling 2012 (12,5% / 5,40€) vom Friedrichshof, ein typisches Weingut der zweiten Reihe. Mit einem Riesensortiment von Bacchus Kabinett halbtrocken bis zum Winzerkaffeelikör. Friedrich Peter Schmitt ist emsig und fährt seine Stammkundenrentner mit dem Trecker durch die Weinberge mit "Weck, Worscht und Woi". Und dann kam der verkostete Kandidat auch noch mit einer mediokren Plakette daher, auf der Flasche klebte die berüchtigte Bronzene Kammerpreismünze. Es ist mir völlig unverständlich, warum ein Winzer sowas überhaupt macht, schreckt doch nur ab. Im Glas dann aber Überraschung, schöne kompakte Rieslingfrucht, frisch, reifes Steinobst, steht in Nase und Mund, hat Länge. Der Underdog gefällt, heraus zum 1. Mai...!


28.03.2014

Weinrallye 72: Weine, die man nicht so einfach kaufen kann...


Wird ausgerichtet vom Priorat - Hammer. Sein Blog ist hier (klick).


"Weine, die man nich kaufen kann? Quatsch, datt gibtet doch ga nich, im Kapitalismus kannsse alles kaufen, da iss alles nur ne Handelsware." Das sagt mein Freund Bernd, und Bernd muß das wissen, denn er arbeitet bei der IG Metall.
Und er hat ja recht, vom 1,49€ Dornfelder im Supermarkt bis zum 45er Mouton Rothschild ist alles zu kaufen, es ist immer nur eine Frage des Preises. "Aber an manche Flaschen kommste nicht so leicht ran," wende ich ein, "da mußte dich schon strecken, um die ins Glas zu kriegen. Einfach abgreifen geht da nicht."
Und genau dazu fällt mir eine Geschichte ein. Ich erzähle ihm also von einem Roadtrip im letzten November. Da mußten nämlich zunächst 450 Kilometer überwunden werden, der Priorat-Hammer hatte zur Probe gerufen, rare Flaschen, nur in Miniauflage erzeugte Weine sollten verkostet werde. Also auf in den kalten Osten, auf nach Sachsen-Anhalt, auf nach Coswig an die Elbe zu den Flaschen, "die man nicht so einfach kaufen kann"...

Aber immer langsam und der Reihe nach, denn die erste Station war Bernburg an der Saale. Torsten Hammer hatte nämlich einen befreundeten Winzer aus dem Priorat zu Besuch, Jaume Roca von Ficaria Vins. Und mit dem war er quasi eine Woche auf Tournee durch Deutschland, von Oberhausen bis Berlin. Und an diesem regenreichen letzten Freitag im November hatten die beiden einen Präsentationstermin in einem Bernburger Einkaufszentrum. Doch Hagel- und Granaten, vor den ersten Weingenuß nach langer Fahrt drängte sich zunächst das Böse direkt in Weg und Blick: Prominent im Zeitungsständer ausgestellt prangt die Nationalzeitung, darunter Stellenmarkt direkt. Na passt ja hier, denke ich, Rechtsradikale und Arbeitslosigkeit...




Aber schnell weg damit aus dem Kopf, denn die folgende Begegnung wird dann doch zu heiter und angenehm. Ich kenne niemanden sonst, der wie Torsten sich so voller Leidenschaft und ehrlich-direkter Begeisterung dem Wein widmet. Und das auch in anregend-sinnlichen Beschreibungen zum Ausdruck bringt. Torsten kennt sich aus, vor allem im Priorat, er ist quasi der inoffizielle Lehrstuhlinhaber für die charakterstarken Rotweine aus der urwüchsigen Weinenklave im katalanischen Hinterland. Seit einigen Jahren importiert er von da. Die Weine von Ficaria Vins vertreibt er in Deutschland exklusiv, ein kleines Weingut mit einer Gesamtproduktion von unter 10.000 Flaschen pro Jahr. Der Winzer Jaume Roca, kräftig muskulös, verschmitztes Lächeln, hellwach blitzende Augen, sitzt neben ihm hinter einem Tisch mit einer ganzen Batterie Flaschen drauf, Gelegenheit für eine erste kleine Verkostung...





Es regnet, es ist kalt, auch der Rote im Glas hat ein paar Grad zu wenig, also anwärmen. Und gemütlich geht sowieso anders, deshalb nix wie weg aus Bernburg und über Köthen und Dessau durch den dunklen Abend ab nach Coswig. Hinein in Torstens gute Stube, da wärmt ein großer Kachelofen.

Und während der Priorat-Hammer eine reichhaltige Fischpfanne, die Fideuà, zubereitet, gibt es dazu einen Küchenwein: Chateau de Beaucastel Chateauneuf du Pape 1995 (aktueller Preis ab 60€). Eine Flasche aus meinem Keller, die lag schon länger herum, Zeit ihn aufzuziehen, er ist mit 18 Jahren ja immerhin schon volljährig. Sehr schöne intensive Rauchnase, dunkel, voll, deutliche Entwicklung, im Mund viel Wärme. Frucht und Gerbstoff sind durch Reifung zu sehr befriedigendem balsamischen Trinkfluß integriert.


Auch wenn der Freitagabend nur das Vorspiel zur großen Probe am Samstag ist, kommt danach auch weiterhin nur Gutes und Großes ins Glas. Eine glückliche Fügung, gewiß, aber beim Priorat-Hammer auch nicht anders zu erwarten...


Der Blai Ferre I Just, "Billo" 2008 aus dem Priorat macht den Einsteiger bei Tisch, viel Frucht und Kraft. Dann ein Katalane aus Frankreich, Domaine Cazes "Le Credo" 1996 aus der Magnum, viel Cabernet ist drin, überraschend frisch, Top-Wein.


Dann noch was aus dem Roussillon, eine Entdeckung: Château Mossé "Le Blues" 2005. Die Flasche war seit 4 Tagen offen, irres Zeug, intensives Konzentrat, dabei ganz fein, erster Suchtstoff, erste Flasche zum Thema "Weine, die man so nicht kaufen kann". Geht sogar noch etwas über den Ch9 des Abends.


Als ich mich in der Küche um das Zusammenstellen der Käseplatte kümmere, sehe ich im Kühlschrank eine einsame Flasche, der Rest einer Traminer Beerenauslese, na das passt doch, denke ich. Und das Beste, der Wein wächst in der Nähe, nur etwas über 30 Kilometer östlich von Coswig in einer sächsischen Weinenklave auf dem "nördlichsten Qualitätsweingut Deutschlands": Weingut Hanke, Traminer Beerenauslese2003, Sachsen – Bereich Jessen / Elster. Ein Schwergewicht aus dem heißen Jahr, ein süßer Vollschmecker, die 16° Alkohol schlagen durch.



Irgendwie kommt das Thema dann auf Grüne Chartreuse, und Torsten sieht sich genötigt, eine Flasche davon aus seinem Keller zu holen. Ich hatte bis dahin diesen Kräuterdigestiv noch nie vorher im Glas. Doch Achtung, Vorsicht ist hier angesagt! Denn dieses ungemein ätherisch-duftende Elixier aus den französischen Alpen hat 55% Alkohol. Es ist jetzt halb drei in der Nacht, Zeit für die Bettruhe...

Und das ist das Stichwort, um endlich den Übernachtungsplatz in Coswig vorzustellen, die Pension entbehrt nicht einer gewissen Skurrilität. Es ist der Weinhof an der Elbe. Von außen nur ein kleiner Flachbau zwischen zwei Siedlungshäuschen mit einem überdimensionierten Hinweisschild obendrauf.



Doch wie so oft trügt der Anschein, so auch hier. Der Flachbau ist nur der Durchgang zu weiteren Gebäuden dahinter, gruppiert um einen großen Innenhof, vollgestellt mit Gartenkram und Bänken, darüber ein gewaltig rankender Rebstock. Und da hängen, Ende November, einen Tag vor dem 1. Advent noch jede Menge dunkle Trauben dran. Ideale Location für die Probe also, die hier heute Abend steigen soll, unten rechts in dem Flachbau...




Doch vorher geht es noch ein paar Kilometer rauf in den Norden, in den Hohen Fläming. In diesem kleinen wildromatischen Hügellland zwischen Magdeburg und Berlin liegt einsam auf einer Kuppe die Burg Rabenstein. Da ist heute Weihnachstmarkt und da haben sich der Priorat - Hammer und Jaume mit ihrem Weinstand in der Folterkammer eingerichtet.


Auf der Streckbank, abgedeckt mit schwarzem Samt, sind die Weine aufgebaut. Das hat originelle Klasse, das hat Stil, das gefällt auch den Besuchern. Jaume Roca kommt angesichts der ausgestellten Marterwerkzeuge eine blendende Idee: Er gäbe gern und gratis eine Einführung in die Methoden der spanischen Inquisition. Nur, wer dann wolle, dass die Folter aufhöre, der müsse dann natürlich zahlen – und nicht zu knapp.



Zurück nach Coswig, zurück in den Weinhof an der Elbe. Hier gilt es jetzt, hier kommen jetzt rare Wein ins Glas, das Line - Up steht. Mit am Tisch dann eine Überraschung. Mit dabei ist ein weiterer Winzer, Frank Hanke aus Jessen, der Macher des Edelsüßen vom Abend zuvor. Seine charmante Frau übernimmt den Fahrdienst, sodaß er ungehemmt ist, die Erzeugnisse seines Kollegen aus dem Priorat zu verkosten, also Feuer frei...
Und so kommt es, Torsten und sein Freund Jaume entzünden im Verlauf des langen Abends ein Weinfeuerwerk der Extraklasse, immer ungewöhnlich, manchmal fordernd, nie langweilig.



Zunächst kommen zwei Weiße in die aufnahmebereiten Gläser:

Ficaria Vins, Matraketa Blanc 2011, Montsant – La Figuera. Nur 370 (!) Flaschen produziert, floral, Blütenduft, wenig Säure.
Sangenis i Vaque, Lo Coster Blanc 2008, Priorat – Porrera. Voll, offen, Petrol, cremig, weniger als 300 Flaschen.



Als Einstieg in die Rotweine kommt zunächst dreimal Èlia, der Einstiegswein aus Grenache, Syrah und Cabernet von Jaume Roca (2009, 2010, 2011). Dreimal volle Frucht, volles Maul, konzentrierte Blaubeerbomben mit starkem Fundament. Erinnern mich irgendwie an einen guten Gigondas von der Rhone, herrlich.



Als Kernstück des Abends wird dann eine Pater – Vertikale gestartet. Dieser Grenache aus über 80 Jahre alten Reben gehört laut Torsten Jahr um Jahr zu den zuverlässigsten und besten Weinen des Montsant. Hier ist 100% Grenache/Garnacha das bestimmende Thema. Sechs Flaschen stehen bereit, durchgehend von 2005 bis 2010. Allesamt durch die Jahrgänge hochkonzentrierte Gewächse. Die Theke im Weinhof an der Elbe wird zum Altar, ein Hochamt für die versammelte Prioratgemeinde, die Unterschiede und Nuancen fordern heraus. Torstens Eindruck und ein herrliches Beispiel gelungener Verkostungslyrik  zum ´09er:  "Jetzt schon ein kleines, ständig wachsendes Nasentier, anspringend und sich fest krallend. Am Gaumen voll und viel Druck...Intensiv am Gaumen und von schöner Länge. Macht Spaß, will aber noch Zeit, sich komplett zu finden. Derzeit noch recht ungestüm am Gaumen. Er wälzt sich eher unruhig auf der Lagerstatt hin und her, statt friedlich zu schlafen. Lasst ihn einfach noch in Ruhe und geht aus dem Raum..."

Für genaue Verkostungsanalysen dieser und der anderen Flaschen bitte beim Priorat-Hammer Blog hier anklicken.



Man hätte hier bereits auf hohem Niveau den Abend beenden können, aber Torsten wollte die Chance nutzen, er ließ es sich nicht nehmen, ein paar besondere Raritäten aus seiner Selektion vorzustellen, die man nicht jeden Tag in die Gläser geschüttet bekommt. Ich hab mir das gerne gefallen lassen...

Celler de l´ Encastell, Roquers de Samsó 2010, Priorat. Hiervon gibts nur 500 Flaschen für 47 € das Stück, 100% alte Carignan. Kühl, elegant und voll, ein Boxhandschuh, nur leicht gepolstert.



Celler Castellet, Empit Selecció 2011, Priorat. Auch hier Carignan, irre Nase, kühle Frucht, erinnert an einen sehr guten Nordrhone-Syrah. Torsten: "Ein Nasentraum, tief, schwarz und sündig. Teufel und Hexen marschieren hier auf und hören Gothic. Zur typischen Porrera – Carignan Aromatik gesellen sich After Eight und Cannabisduft. Der ganze arabische Basar ist zu Besuch gekommen."
Dann noch ein 100% Carignan, die laufen heute, ebenfalls eine rote Weinwand, die erklommen werden will: Celler Aixala Alcait, Costers d´ Alzina2011, Priorat, deutlich weniger als 1.000 Flaschen., Torsten: "...eine dunkle, schwarze Gothic-Nase. Das ist Carignan vom Feinsten, sehr elegant und tief., ein Wein anstelle des Desserts, in kleinsten Dosierungen sparsam zu genießender Tropfen mit Suchtpotential".



Dann nochmal ein Wein von Jaume Roca, er steht auf und gießt ein. Was kann nach all den Knallergeschützen jetzt noch kommen? Nun, es ist das Flagschiff von Ficaria Vins, Cerverola 2011, 15,5%, 34€. 100% Grenache vom Allerfeinsten, Alkohol wunderbar eingebunden, Muskelspiel, dabei elegant bleibend, nur 500 Flaschen insgesamt.



Ganz zum Abschluß dann noch etwas Süßes: Sangenis I Vaque, Simfonia en Dolc 2007, Priorat. Auch hier ein knappes Gut, nur 800 von den schlanken 0,5er Flaschen gibt es.



Der Priorat-Hammer und Jaume Roca nach der Probe: Starke Analyse, hohe Genußfähigkeit und enormes Durchhaltevermögen.




Priorat trifft Sachsen, für den Jessener Winzer Frank Hanke waren die charakterstarken Roten aus dem Priorat Neuland.



Analysieren, Aufschreiben, punkten, das unterscheidet eine seriöse Probe von einem schieren Besäufnis - zum Glück...;-)


Gut durch den Abend gekommen, der Weindeuter mit charmanter Winzersgattin.



Nach kurzer Nacht dann das Nachspiel beim Torsten am Haus. Dort wurde die ein oder andere Kiste in den Kombi geladen.




Alle Weine bei Torsten Hammer (klick). Und keine Sorge, man muß nicht unbedingt hinfahren (sollte man aber). Der Priorat - Hammer versendet auch...




21.03.2014

Party-Rote

Superduftig, superfruchtig, supersüffig, supergeil...

Nicht immer nur analytisches Schlürfen, genaues Wägen, Einordnen und Normieren  - das ganze elaborierte Getue um den Wein hat zwar seinen Reiz, kann aber auch nerven. Es gibt Situationen, da geht es einfach um Menge, um Durchsatz, um die Befriedigung von durstigen Kehlen netter Menschen, die dem selbstreferentiellen Spiel um das Göttergertränk vollkommen unzugänglich sind. Ganz normale Leute, die einfach nur mal ein "lecker Weinchen" trinken wollen, oder auch zwei...
Und damit ergibt sich für den Weinfreak als Gastgeber ein Problem. Ganz aus der unteren Schublade darf man nicht einsteigen und irgendwelche Suffweine anstellen. Das würde auf einen zurückfallen. Wie gesagt, es geht um Leute, die zwar nicht in die Thematik einsteigen wollen, aber durchaus weinerfahren sind und schon wissen, was ihnen schmeckt. Der andere Fehler wäre, zu kompliziert aufzutischen und einzufüllen, womöglich verbunden mit langatmigen Erklärungen. Eine Gradwanderung also zwischen seriöser Qualität und unmittelbar trinkiger Genußzugänglichkeit, in den letzten Wochen gab es mehrfach die Gelegenheit, Party-Rote in diesem Sinne zu öffnen...




Zwei  aus "Übersee", immer eine sichere Bank für Leute, die richtig was im Glas und im Mund haben wollen, eingängige Spieler mit viel Primärfrucht und Kraft. 




Zwei Südfranzosen aus der Provence, auch in der Regel ein Treffer für Starkweintrinker. Beide Kandidaten präsentierten sich voll, viel Schmackes im Glas: Viel Wärme, Grenache-Schmelz, dunkle Frucht, Reife im Vindemio, der Paradis paradiert mit Frische und etwas Biß vom Cabernet.   



Ein etwas ausgefallenes Pärchen, für die Neugierigen am Tisch. Einmal ein Norditaliener aus dem Veltlin, ganz oben an der Grenze zur Schweiz. Mit 94PP hochdekoriert und der Teuerste hier in der Runde. Ein Sfursat vom Fuße der Alpen, hergestellt nach der Amaronemethode: Die Trauben trocknen 120 Tage lang in Holzkassetten, sie verlieren dabei bis zu 35 Prozent ihres Gewichtes. Dadurch erhöhen sich Zucker- und Alkoholgehalt. Viel Reife, Wärme, viel Alkohol, die Amarenakirsche im Glas. Sowas sollte nicht zu Beginn angeboten werden, kommt aber gut mit seinen likörigen Schmeicheleinheiten als Absacker.
Goldene Aufdrucktypographie, mattierte Flasche, so steht er da, ein Exot aus dem Libanon aus Cabernet, Syrah, Grenache, Merlot. Weinfreunde, die hier öfter lesen, wissen, da kommt viel Gutes her (Probenbericht hier). Der ´05er ist noch voll da, reichhaltig in Nase und Mund, kein ganz Lauter, hält Eleganz, Top-Schluck.



Ein Süditaliener und ein Kalifornier in enger Verwandschaft! Der Primitivo kam Mitte des 19. Jh. vom Absatz des Stiefels über den großen Teich und wurde dort zum Zinfandel. Um den entstand in der Renaissance des kalifornischen Weinbaus ein regelrechter Kult, Zin wurde zum flüssigen Inbegriff kalifornischer Lebens - und Genußart. Auch der Primitivo hat, zusammen mit anderen Rebsorten des Südens wie Negroamaro und Nero d´Avola, einen Aufschwung in der Beliebtheit genommen und geholfen, Teile des süditalienischen Weinsees zu leeren. Vor allem bei Freunden warmer, fruchtiger und gerbstoffgezügelter Weine. Insofern war dieses Duo in den Gläsern ein Selbstläufer. Der Masseria kann als der ideale Partyschluck gelten, frei nach Friedrich Liechtenstein: Superduftig, superfruchtig, supersüffig, superlecker, supergeil...
Der Zinfandel kommt aufwändiger daher, ein Hinkucker natürlich die Hippieflasche. Im Glas dann noch sehr schön, ich hatte erst Bedenken wg. der 8 Jahre, Zinfandel altern häufig nicht so toll, die Primärfrucht des jungen Weins ist oft einfach zu attraktiv. Der hier hatte allerdings nicht abgebaut, war vielleicht sogar der attraktivste Wein der ganzen Reihe hier. 




Die Roten aus dem Rioja sind für viele ein wichtiger Teil ihrer Weinbiographie, auch für mich standen die vom langen Holzausbau und Flaschenreife geprägten Tempranillos traditioneller Machart am Beginn der Weintrinkererei. Die Crianzaklasse bot für überschaubare Tarife viel Duft, Schmelz und Charakter. Auch heute gibt es da immer noch viel Stoff fürs Geld. Auch wenn Rioja in letzter Zeit vermehrt auf teure und hochgezüchtete Spitzen setzt und bei den Einsteigern mehr auf schnelle Frucht als auf Reife, wird man bei den Klassikern immer noch fündig. Der Canas kann was, für 17€ gibt es sanften Genuß ohne Hektik, der Wein beruhigt. Typische Nase aus Vanille und Orangenschale, auch im Mund gute Harmonie von feiner Süße, Fruchtsäure und würzigem Rauch.